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Hattinger streifte die triefnassen Schuhe ab. Mit spitzen Fingern hielt er sie hoch und ließ sie abtropfen, bevor er ins Haus ging. Er ärgerte sich über sich selbst. Natürlich waren Lederhalbschuhe bei dem Matsch vollkommen ungeeignet. Er stellte die Einkaufstaschen ab, warf die Schuhe in den Flur, zog die nassen Socken aus und angelte sich ein Handtuch aus dem Bad, um seine eiskalten Füße zu frottieren.
Sauwetter. Es würde wieder keine weißen Weihnachten geben. Die letzten beiden Tage hatte es zwar ordentlich geschneit, aber heute war nur noch Matsch übrig. Für morgen prognostizierte der Wetterbericht 16 Grad. 16 Grad plus natürlich! Vielleicht sollte er grillen?
Die Maske rutschte ihm aus der Jackentasche und landete in der Schuhpfütze. Mist. Er hob sie auf und knüllte sie zusammen.
„Hey Paps, du bist ja wirklich da.“
Lena kam strumpfsockig die Treppe runter.
„Vorsicht …“
Hattingers Warnung kam zu spät, Lena stand schon in der Pfütze.
„Bäh.“ Vorwurfsvoll hielt sie ihm eine nasse Fußsohle entgegen.
„Ja mei, Matsch …“
„Ach, sag bloß?“ Sie zog ihre Socken aus.
„Und überhaupt, hab i doch gsagt, dass i Weihnachten frei hab.“
„Na ja, nun. Das heißt ja noch gar nix.“
Lena war daran gewöhnt, dass der Herr Hauptkommissar immer gerade dann, wenn er sich an Feiertagen, Geburtstagen oder ähnlichen Festivitäten freigenommen hatte, mal wieder zu irgendeinem Mordfall gerufen wurde. Klar, als Leiter der Mordkommission war er im Prinzip dafür zuständig. Die Frage war nur: Mussten die Leute mit dem Morden immer auf irgendeinen Feiertag warten, um einem die Freude zu verderben? Gut, sie könnte auch in Hamburg wohnen, bei ihrer Mutter, wenn sie wollte. Aber sie hatte sich nun mal für Prien entschieden. Hier hatte sie wenigstens ein paar Freiheiten, gerade weil der Paps nie da war.
„Die Mama hat übrigens schon wieder angerufen“, fiel ihr ein. „Sollst sie jetzt mal zurückrufen. Dringend.“
„Mhm …“ Die Aussicht auf fernmündliche Kommunikation mit seiner geschiedenen Frau löste bei Hattinger wenig Begeisterung aus. Ihm fiel auf, dass er eine Tüte im Wagen gelassen hatte. „I hab no Essen im Auto.“
„Was gibts überhaupt?“ Lena freute sich schon auf den Abend, ihr Dad kochte richtig gut, wenn er denn mal dazu kam. Seine Weihnachtsenten waren legendär.
„I hab ma überlegt, vielleicht amoi koa Entn.“
Lena war enttäuscht. „Vielleicht amoi?“, ahmte sie sein Bairisch nach. „Wann hast du denn die letzte Ente gebraten? Im Prä-Coronikum?“
Hattinger verzog es immer ein bisschen die Ohren, wenn Lena versuchte, Bairisch zu reden. Sie konnte es einfach nicht. War vermutlich seine eigene Schuld, weil er sich immer seiner Frau angepasst und nur Hochdeutsch mit Lena gesprochen hatte, als sie klein war. Zumindest seine Art von Hochdeutsch, den Bayern hörte man bei ihm immer durch.
„Vor zwoa Monat“, beantwortete er die Entenfrage. „Mittwochabend, mir ham Champions League gschaut, Bayern hat irgendwen erledigt. Scho vergessn?“
„Stimmt. Mit Orangen und Schokosoße. War übel gut.“
Hattinger musste lachen. Übel gut war gerade Lenas höchstmögliches Lob.
„I mach a Roastbeef. Dazua mei Remoulad, Bratkartoffeln und an Chicoréesalat mit Mandarinen und Mandeln. Nachspeis machst du …“
„Okay, hört sich solide an. Und was is mit den Weißwürsten?“
„Die vernicht’ma jetz zum Frühstück. I hab frische Brezn mitbracht.“ Hattinger schaute auf die Uhr. „Spätstück, wenn ma’s genau nimmt. Wieso bist’n du überhaupt scho auf? San doch Ferien?“
Lena hatte die letzten Wochen tatsächlich Präsenzunterricht gehabt. Sie wollte ja dieses Jahr Abitur machen, nachdem sie letztes Jahr eine Ehrenrunde drehen musste, was ihm überhaupt nicht gefiel. Wobei er sich durch seine häufige Abwesenheit nicht ganz unschuldig fühlte.
„Will halt Weihnachten mal ganztägig genießen, wenn du schon da bist. Hab sogar den Christbaum schon aufgestellt. Da guckst du, was?“
Hattinger ‚guckte‘ natürlich nicht, aber er schaute reichlich verblüfft drein. Selbstständigkeit war er von Lena gewohnt, aber solche Aktivitäten am frühen Morgen?
„Is irgendwas passiert?“
„Mein Gott, jetzt sei doch nicht gleich so misstrauisch, Herr Kommissar! Was soll denn passiert sein? Ich musste heut sowieso früher aufstehen, weil ich nachher noch ne Fahrstunde hab.“
„An Heiligabend?“
„Na, wenn man endlich mal wieder darf … Hab mir gestern sogar die Mozartkugeln aus deinem ungenutzten Süßigkeitendepot geklaut, um den Fahrlehrer zu bestechen. Ich will jetzt endlich diesen blöden Führerschein.“
„Die Mozartkugeln? Der werd si gfrein, die san mindestens 15 Jahr oid.“
Wenn Hattinger die Wahl zwischen Schokolade und Schinken hatte, entschied er sich für Schinken.
„Wann hast die Fahrstund?“
„Um zwölf.“
„Dann hamma ja no Zeit für die Weißwürscht. I hab an Mordshunger.“
Das Telefon läutete im Wohnzimmer.
„Machst die scho amoi warm?“, bat er Lena.
Im Wohnzimmer fiel ihm auf, dass die kleine Tanne, die er gestern in letzter Minute zu einem astronomischen Preis-/Längenverhältnis erstanden hatte, perfekt gerade in den alten Christbaumständer eingestielt war.
Das Telefon schien immer lauter zu werden, aber wo war es? Er entdeckte es schließlich unter einem Haufen abgeschnittener Tannenzweige.
„Sag mal, Alfons, das dauert ja ewig, bis du mal an die Strippe kommst.“ Elke. Sie war die Einzige, die ihn beim Vornamen nannte, obwohl sie genau wusste, dass er das nicht leiden konnte.
„Wieso rufst du eigentlich nicht zurück?“
„Die Lena hat’s mir grad vor fünf Minuten ausg’richt!“
Er hätte am liebsten gleich wieder aufgelegt, aber wenn Elke was wollte, würde sie sowieso nicht locker lassen. Er beschloss, es mit Deeskalation zu versuchen. „Frohe Weihnachten. Was gibts?“
„Anton hat mich angerufen.“
„Wer?“
„Anton …“
„Was für a Anton?“
„Anton! Dein Bruder! Mein Gott, kriegst du jetzt Alzheimer oder was?“
„Wie, wa…Was?!Mei Bruada …?“
Seinen älteren Bruder Anton hatte er bestimmt seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr gesehen und seit 20 Jahren hatten sie überhaupt keinen Kontakt mehr. Der lebte irgendwo in Südamerika. Den hatte er überhaupt nicht mehr auf dem Schirm.
„Wieso ruaft der beidir o?“
„Er hat haltmich gefunden, über Facebook. Du bist ja nicht bei Facebook.“
„Und des mit Absicht.“ Er hätte aus dem Stand eine ausführliche Begründung liefern können, warum er Facebook ablehnte, aber das schien gerade nicht der richtige Augenblick zu sein.
„Und? Was woit er?“
„Deine Adresse. Er will dich besuchen über Weihnachten.“
„Was?!“
„Mein Gott, Alfons! Jetzt führ dich doch nicht auf wie ein Neandertaler. Dein Bruder will dich über Weihnachten besuchen, wo ist das Problem? Du hast doch genügend Platz.“
„A… aber … wie, besuchen? Und du … hast eahm mei Adress gebn? Einfach so?“
„Jaa-haa! Stell dir vor! Oder darf dein eigener Bruder deine Adresse nicht haben? Mal ganz abgesehen davon, dass er die auch ohne mich rausgefunden hätte.“
Hattinger umrundete den Christbaum.
„I glaub i spinn … Und wann kommt er?“
„Heute. Er müsste schon in Prien sein.“
„Und des sagst du mirjetzt?“
„Hättest du gestern zurückgerufen, dann wüsstest du’s seit gestern. Also, wünsch euch schöne Feiertage. Und grüß mir das Lenchen! Tschühüss!“
Hattinger mochte es nicht glauben.
Sein Bruder …
Er legte das Telefon gedankenverloren wieder zwischen die Tannenzweige, wobei er leicht den Christbaum touchierte.
Die Nordmanntanne fiel so widerstandslos um, als hätte sie nur auf einen Anstoß gewartet. Dabei warf sie einen Großteil des Weihnachtsschmucks, den ihr Lena verpasst hatte, wieder ab. Hauchzarte Christbaumkugeln aus alten Familienbeständen zerschellten leise klirrend auf dem Parkett, fast zeitgleich übertönt von Lenas Aufschrei in der Küche.
„Au Scheiße!“
Ihr...