: Elisabeth Blumrich, Simon Gerber, Sarah Schmidt
: Friedrich Schleiermacher zwischen Reform und Restauration Politische Konstellationen, theoretische Zugänge und das Berliner Stadtleben
: Walter de Gruyter GmbH& Co.KG
: 9783111062914
: Schleiermacher-ArchivISSN
: 1
: CHF 94.90
:
: Religion/Theologie
: German
: 226
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Friedrich Schleiermacher war eine zentrale Figur des geistigen Lebens in Berlin im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts und ein wichtiger Protagonist im preußischen Reformprozess. Der Band widmet sich insbesondere dem zweiten Jahrzehnt zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Er untersucht Schleiermachers Denken und Wirken in den entscheidenden Jahren während und nach den Befreiungskriegen und konturiert seine Position während des Umbruchs von der Reform zur Restauration in einzelnen Schlaglichtern.

Die interdisziplinären Beiträge geben eine historische Analyse des politischen Kontextes, beleuchten das Berliner Stadtleben sowie Schleiermachers berufliche und private Netzwerke, die sich nicht zuletzt aus den an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften historisch-kritisch edierten Korrespondenz und Tageskalender F. Schleiermachers erschließen.

Vor dem Hintergrund dieser gesellschaftspolitischen Matrix wird deutlich, wie eng Schleiermachers wissenschaftliche Werke und die Genese seiner wissenschaftlichen Systematik mit seinem konkreten Handeln als Wissenschafts- und Kirchenpolitiker, als Gemeindeleiter und Prediger, aber auch als Freund, Kollege und Familienmensch verzahnt ist.



Elisabeth Blumrich,Sim n Gerber undSarah Schmidt, BBAW, Berlin.

Grußwort des Akademiepräsidenten


ChristophMarkschies

Vor dem Büro des Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Gebäude am Gendarmenmarkt hängt eine Galerie mit postkartengroßen Portraits seiner Vorgänger. Die Galerie kann übrigens, wie sich das für eine der Digitalität gegenüber besonders aufgeschlossene Akademie gehört, auch im Internet besichtigt werden.1 In den absolut identischen grauen Rahmen sind nun nicht nur meine vier Vorgänger im Amt des Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie abgebildet, sondern insgesamt 65 Personen; die wenigsten davon waren Präsidenten, weil es zwischen 1759 und 1938 gar kein Präsidentenamt gab. Friedrich der Große hatte es, unwillig über einen Wahlvorschlag seiner unbotmäßigen Akademie, kurzerhand abgeschafft und 1938 führte es die politische Obrigkeit im Rahmen der damaligen Vorstellungen vom totalitären Staat und seinem Führerprinzip wieder ein. Ab 1812 wurde die Akademie, die in den vergangenen über dreihundert Jahren mehrfach Namen und institutionelle Identität wechselte, von den vier Klassensekretaren geleitet, die sich gleichsam rotierend in der Funktion des Vorsitzenden Sekretars abwechselten. Jeder Sekretar fungierte für drei oder vier Monate gewissermaßen als Akademiepräsident, ohne allerdings diesen Titel zu tragen. Als neunundzwanzigstes Bild in der Reihe, die natürlich mit Leibniz beginnt, findet sich das Portrait von Schleiermacher. Angesichts der Tatsache, dass die Akademie nach französischem Vorbild niemals Theologen als Theologen aufgenommen hat, sondern nur als Historiker, Philologen oder Philosophen, verwundert die ansehnliche Menge der Theologen oder theologisch Arbeitenden unter den neunundzwanzig: Daniel Ernst Jablonski, Johann Philipp Heinius, Leonhard Euler, Jean Henri Samuel Formey und Johann Peter Friedrich Ancillon, um von Leibniz gar nicht erst zu reden, und natürlich eben Schleiermacher. Sieben von neunundzwanzig – das ist eine gar nicht so schlechte Bilanz für eine akademische Disziplin, die es in einer Akademie französischen Typs eigentlich gar nicht geben darf. Aber Leibniz hatte sich ursprünglich unter einer Akademie auch ein säkulares Kloster zölibatär lebender Gelehrter vorgestellt, die dort Theorie mit Praxis, Lebenspraxis, verbinden sollten.2

Auch wenn ich – coronabedingt praktisch nie auf Reisen – auf dem Weg tagtäglich diese Galerie passiere, die aus einer Geschichte voller Brüche und in brüchiger Kontinuität stehender Ämter eine uniforme Reihe von Leibniz bis Grötschel entstehen lässt, macht mich das Studium der Portraits und die gelegentliche Lektüre in den Biogrammen zur Präsidentengalerie, die im Internet nachzulesen sind, nicht zu einem Experten für Akademiegeschichte und das tägliche Passieren des bekannten Schleiermacher-Kupferstichs nach der Zeichnung von Franz Krüger aus dem Jahre 18203 beileibe nicht zu einem Schleiermacher-Experten. In meiner akademischen Heimatdisziplin, der Evangelischen Theologie, ist es zwar nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Schleiermacher-Renaissance gekommen,4 aber wenn heute junge Doktorandinnen und Doktoranden auf Twitter darüber streiten, ob die Wechselkurse der systematischen Theologie für hundert Barth einen Schleiermacher ergeben oder gerade umgekehrt (so jüngst geschehen), dann langweilt mich solche Verspätung und Erstarrung in den Konflikten und Kirchenväterschlachten vergangener Zeiten.5

Was mich an Schleiermacher fasziniert – und fasziniert darf man ja auch sein, wenn man kein Experte ist, sondern nur mehr oder weniger Laie und für den Geschmac