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Siebzehn Jahre früher
Elisabeth liebte die Sterne zu sehr, um die Nacht zu fürchten.
Inmitten der Dunkelheit fühlte sie sich nicht bedroht, obwohl ihr Herz schneller schlug. Sie irrte barfuß durch den Garten, streifte mit dem wollweißen Nachthemd die knospenden Sträucher und achtete nicht auf das Geraschel der Tiere oder das Wispern des Windes. Ihr Blick war nach oben gerichtet, zu ihren nächtlichen Gefährten. Sie war nicht allein. Sie beobachtete die Sterne, und die Sterne beobachteten sie. Sie gab sich der Tiefe des Unbekannten hin und lauschte auf alles, was es ihr sagte, lauschte auf das Geräusch von Himmel und Erde.
Sie war nicht verrückt. Sie hörte keine Stimmen und sah keine Lichtpunkte tanzen oder sich zu spektakulären Formationen vereinigen, trotzdem wurde sie beim Anblick der Gestirne von einem mächtigen Gefühl durchströmt, und dieses Gefühl wiederum kam ihr wie eine Botschaft vor. Zwischen den Sternen und ihr gab es eine unbestimmte, eine magische Verbindung, so wie eine Musik, die von einem Instrument ausgehend direkt in die Herzen der Menschen dringt. Hier draußen waren ihre Gedanken frei und erhoben sich in schwindelerregende Höhen, dorthin, wo alles möglich war.
Sie stolperte über einen Maulwurfshügel und fiel hin, wobei sie sich mit den Händen abstützte und aufstöhnte. Sofort blickte sie zum Haus, das wie ein monströser schwarzer Schatten von der Nacht eingehüllt wurde, und sie wartete nur darauf, dass die Fenster aufleuchten und sie wie wütende Augen anstarren würden.
Ihre Augen, Hemmas Augen. Hemma war ein Dämon, ein Ungeheuer, und sie beherrschte das ganze Haus.
Doch es blieb ruhig. Verstört darüber, dass ein hässlicher, unterirdischer Bewohner es auf eine recht profane Art geschafft hatte, sie aus weit entfernten Sphären wieder zu Boden zu zwingen, blieb sie auf dem Gras sitzen. Bisher war die Nacht immer ihr Verbündeter gewesen, derjenige, der es ihr ermöglichte, für eine Stunde aus der kleinen Welt ihres Alltags, in der alles seinen Platz hatte und vorherzusehen war, hinauszutreten in eine Welt der Rätsel und Geheimnisse. Sie wusste kaum etwas über das Firmament und über Sonne und Mond, außer das, was jeder spüren und sehen konnte – die Wärme, die Gezeiten, die sich verändernden Positionen am Sommer- oder Winterhimmel – und sie wusste das, was die Geistlichen darüber erzählten. Der Himmel, so sagten sie, sei von göttlichen und teuflischen Gestalten bevölkert, und der Mond, die Sterne und Planeten, allesamt aus reinstem Kristall gefertigt, würden vom Atem Gottes bewegt. So schön dieser Gedanke, der von Malern in den Kuppeln mancher Kirchen verewigt wurde, auch war: Wenn Elisabeth bei einer ihrer heimlichen Nachtwanderungen die Mücken vor dem vollen, gelben Mond tanzen sah, wenn Sternbilder, deren Namen sie nicht kannte, am Horizont aufstiegen und nach Stunden an einem anderen Horizont wieder versanken, wenn sie das unterschiedlich flimmernde Licht der Gestirne, einem Zwinkern gleich, beobachtete, dann fragte sie sich, weshalb Gott Hunde