: Angelika Rehse
: Josses Tal Roman
: Pendragon Verlag
: 9783865328496
: 1
: CHF 18.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein aufwühlendes Debütvon einer starken Stimme 1930: Der unehelich geborene Josef ist eine Schande für seinen Großvater und bekommt dies täglich zu ­spüren. Seine Kindheit ist geprägt von Angst und fehlender Nähe. Erst nach einem Umzug erfährt er in einer neuen Nachbarsfamilie Anerkennung und ­Zuneigung. Da ist vor allem Wilhelm, der ihn fördert und schützt, und Josefs Leben scheint sich endlich zum Guten zu ­wenden. Aber der arglose Junge ahnt nicht, dass ­hinter Wilhelms Freundlichkeit mehr steckt. Der aufstrebende SA-Mann formt Josef zu seinem ­ergebenen Helfer und benutzt ihn dazu, die ­Bewohner des Ortes ­auszuspionieren. Josef geht voller Stolz in ­dieser ­Mission auf. Doch dann erfährt er etwas, das sein bisheriges Leben aus den Fugen geraten lässt.

Angelika Rehse wurde in Sande?/?Kreis Friesland geboren und wohnt heute mit ihrer Familie in Bad Salzuflen. Sie wuchs in einem Umfeld von Heimatvertriebenen auf. Unter dem Eindruck der erzählten und lang verschwiegenen Geschichten der Generation ihrer Eltern, hat sie in einer späten Lebensphase mit 'Josses Tal' einen poetisch kraftvollen und politisch hellsichtigen Roman geschrieben.

Juli 2004


Die Bahnstrecke von Oslo nach Lillehammer lag in dichten Nebel gehüllt.

Helen starrte aus dem Fenster und hoffte, dass das undurchsichtige Grau kein trüber Vorbote war. Denn Helen war nach Norwegen gekommen, um Klarheit zu finden. Klarheit über das, was vor vielen Jahrzehnten ihrer Familie widerfahren war.

Gedankenverloren sah sie auf die vergilbte Ansichtskarte, die sie vor Monaten aus der Familienchronik gelöst hatte. Auf der einen Seite war der Besseggen zu sehen, ein mächtiger Bergrücken im Nationalpark Jotunheimen. Auf der anderen standen, wie im Kontrast zu der imposanten Landschaft, nur wenige Worte geschrieben – klein und eng.

Habe den Krieg überlebt. Den Kummer, den ich im Kreis verursacht habe, bedaure ich zutiefst. J. T.

Abgestempelt war die Karte am 20. September 1945 in Lillehammer, adressiert an den Bürgermeister im schlesischen Reichenbach, dem Geburtsort ihrer Urgroßmutter.

J. T., Josef Tomulka, so hatte es Helen von ihrer Mutter erfahren, musste auf irgendeine Art und Weise für den Tod ihrer Urgroßmutter Else verantwortlich gewesen sein. Doch was genau damals vorgefallen war, hatte ihr niemand sagen können. Und um das herauszufinden, war sie hier.

Es hatte Helen einiges an Energie und Zeit gekostet, diesen Josef ausfindig zu machen, der in einem abgelegenen Tal am Rande des Nationalparks ein Eremitendasein führte. Kontakt zu ihm war ihr bisher nur über die Betreiberin der Hüttenanlage in Randsverk möglich gewesen.

Die Telefongespräche mit Myra Paulsen waren stets kurz gewesen. Ja, Josef Tomulka lebt hier. Wir nennen ihn Josse. Nein, ans Telefon holen kann ich ihn nicht. Ich werde es ihm ausrichten. – Lange Pause. – Ja, er ist bereit, sich mit Ihnen zu treffen. Mit ihm telefonieren? Wie gesagt, das geht nicht. Da musst du dich schon auf den Weg zu ihm machen. Übrigens – ein kurzes Räuspern – wir siezen uns im Norden nicht.

Der Weg zu Josse führte Helen durch einen allmählich dichter werdenden Kiefernwald. Sie genoss seinen würzigen Duft und sah erwartungsvoll auf die Uhr. Laut Myra müssten es nur noch wenige Minuten bis zu dem mit ihm vereinbarten Treffpunkt sein.

„Du bist zu weit gegangen“, hörte sie eine Stimme hinter sich sagen.

Helen zuckte zusammen und drehte sich um. Wie hatte sie ihn nur übersehen können? Keine zwei Schritte von ihr entfernt saß er – saß Josse auf einem Baumstumpf, nickte ihr zu und erhob sich. Er war ein wenig größer als sie, ein drahtiger, wettergegerbter alter Mann, der sie mit müden Augen taxierte.

„Sie …, du bist Josse, nicht wahr? Ich bin …“

„Helen. Ich weiß“, sagte er, streckte ihr die Hand entgegen und zeigte mit dem Kopf zur Seite.

„Zu mir führt ab jetzt nur ein Trampelpfad. Bleib am besten direkt hinter mir, je weniger plattgetreten wird, desto besser.“

Darauf bedacht, es ihm rechtzumachen, setzte Helen konzentriert einen Fuß vor den anderen und wäre, als er ohne Ankündigung plötzlich stehen blieb, beinahe in ihn hineingelaufen. „Willkommen in Jossetal“, sagte er lakonisch und sah sie verstohlen an.

Umgeben von einem sanft ansteigenden Wall lag vor ihnen das Tal, das seinen Namen trug. Überall blühte es in den kräftigsten Farben, als wolle das Land beweisen, wie schön es war – jetzt, wo sich der Nebel verzogen hatte. Eng an den gegenüberliegenden Wall geschmiegt lag Josses Blockbohlenhütte, gestrichen im satten Grün der umliegenden Wiesen.

„Es ist nett hier“, sagte Helen und wurde rot. Nett wurde all dem hier nicht gerecht. Doch Josse schien es nicht zu stören. Er nickte bloß, begann gemächlich den Hang hinabzustiefeln und hielt dabei seine Prinz-Heinrich-Mütze so fest, als hätte er Sorge, der Wind könne sie ihm vom Kopf wehen.

„Sei so gut und pass auf, wo du hintrittst.“

‚Zerstörungen jeder Art müssen ihm zuwider sein, selbst, wenn es um Pflanzen geht‘, dachte Helen und folgte ihm auf dem schmalen Pfad, der neben quadratisch angelegten Gemüsebeeten zu seinem Zuhause führte.

„Gäste sind selten hier, und irgendwelche Etiketten gibt es bei mir nicht. Also warte nicht auf irgendwas Gestelztes wieNimm Platz, Komm rein oder dergleichen.“

Während Helen sich noch fragte, ob das jetzt eine Aufforderung war, einen Blick in seine Hütte zu werfen oder nicht, nahm sie wahr, dass Josse sich räusperte und sie unverwandt ansah.

„Könntest du dir vorstellen, hier zu übernachten?“, fragte er leise. „Zwei, drei Tage?“

„Übernachten? Ich meine …“ Helen sah an sich herunter.

„Manchmal kommt Myra zu Besuch, von ihr liegen immer ein paar Sachen in meinem Schrank. Vielleicht sind sie dir ein bisschen zu groß, aber … an einem Tag ist die Geschichte nicht erzählt.“ Josse sah hinauf zur Sonne, eine Uhr zur Zeitbestimmung brauchte er nicht. „Außerdem muss ich mich jetzt erst einmal um meine Kaninchen kümmern. Wenn du Hunger hast, drinnen steht was zum Essen auf dem Tisch.“

Obwohl Helen es nach wie vor sonderbar fand, einfach allein hineinzugehen, schlug ihre Unsicherheit, kaum dass sie die Türschwelle übertreten hatte, in Erstaunen und Neugier um. Auch hier drinnen sah Josses Zuhause aus wie die perfekte Abbildung in einem Reisekatalog: Tassen, Teller, das gesamte Geschirr, alles war akribisch aufgereiht, gruppiert und sortiert, die Möbel mustergültig aufeinander abgestimmt – aber alles war steif und sachlich, als sei …

„Und, wie gefällt es dir?“

Helen zuckte zusammen. Heute schon zum zweiten Mal. „Außergewöhnlich“, erwiderte sie und drehte sich zu ihm um, „nur, was ich vermisse …, es gibt keine Fotos von dir, keine Erinnerungsstücke, keine …“

„Ich stell nicht gern die Vergangenheit zur Schau“, sagte Josse rau, „aber deine Fragen werde ich alle beantworten. Und die ganze erbärmliche Geschichte erzählen. Ich habe nur eine Bedingung: Alles, was ich dir sage, bleibt unter uns, ja? Alles, ohne Ausnahme.“

Helen schluckte. „Natürlich“, sagte sie mit belegter Stimme, „ganz, wie du möchtest.“

Josse sah sie durchdringend an. „Ich hoffe, du hältst dein Wort.“

Helen schwieg und wartete. Sie merkte, wie schwer es ihm fiel, die passenden Worte zu finden.

„Die Schuld, die ich auf mich geladen hab, … wiedergutmachen kann ich sie nicht. Aber vielleicht kann ich erklären, wie es dazu kam.“

„Manche Dinge muss man aussprechen, um ihnen die Macht zu nehmen. Ich bin nicht hier, um dich zu verurteilen.“

Josse holte tief Luft. So tief, als hoffe er, die Geschichte mit einem einzigen Atemzug erzählen zu können. Doch dann schloss er die Augen und verzog gequält sein Gesicht. „Hast du schon mal versucht, etwas zu Papier zu bringen, und nicht gewusst, wie du anfangen sollst? Ich finde nämlich keine passende Einleitung zu all dem, zu mir, hier.“ Er presste seine Lippen zusammen und sah Helen nachdenklich an. „Lass mich noch eine Nacht drüber schlafen“, sagte er leise. „Und du, du solltest dir die Zeit nehmen, dich darauf vorzubereiten.“

‚Darauf vorbereiten? Auf seine Beichte? Wie denn?‘ Helen lag hellwach in dem Bett, das Josse ihr wie selbstverständlich überlassen hatte, starrte an die Decke und fragte sich, wann sie wohl zur Ruhe kommen würde, so angespannt und nervös, wie sie war.

Über dem Bett war eine kleine Holztafel angebracht. Schalom stand darauf, in geschwungenen, eingebrannten Buchstaben.

„Schalom“, murmelte Helen und fiel irgendwann in der nicht dunkel werdenden Nacht in einen unruhigen Schlaf. Zum Frühstück gab es frisches Brot mit Milch und Käse von der Ziege und … Schweigen. Josse aß mit gesenktem Kopf und machte keine Anstalten, es zu brechen.

Helen ging schließlich auf die Veranda, wartete und lauschte. Auch hier draußen umfing sie für einen Moment nichts anderes als das Schweigen der Natur. Außerdem schien hier in Josses Tal die Zeit langsamer zu vergehen.

„So!“ Dieses Mal erschreckte Josse sie nicht. Als er sich neben sie setzte, war fast eine Stunde vergangen. „Jetzt können wir anfangen. Was mich von Reichenbach hierhergetrieben hat“, fuhr er mit Bedacht fort, „ist keine schöne Geschichte. Da sind einige sehr unansehnliche Flecken drin.“

„Alle selbst fabriziert oder auch welche von anderen?“

„Also die Leinwand, auf der mein Leben gemalt ist, war von vornherein nicht weiß. Sie war vergilbt und rissig und wurde im Laufe der Zeit mit hässlichen Brauntönen bemalt.“

Josse holte tief Luft und sah zum Himmel hinauf, als könne er den passenden Anfang für seine Geschichte in den Wolken...