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Dulsberg
Der Sommer 1999 war voller Dummheiten. Meiner Dummheiten. Als Nichtschwimmer ins Freibad zu gehen, war nur eine davon. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mir eines Nachmittags drei eiskalte Calippo unter den Arm klemmte, eine Packung Luckys zwischen die Zähne steckte und dem grantigen Kioskbesitzer einen Zehner auf den Tresen warf. »Stimmt so«, deutete ich mit einer Handbewegung an und kehrte zum Schwimmbecken zurück.
Ich war einundzwanzig und erlebte den Sommer der ersten Male. Meine erste große Liebe, meine erste richtige Reise und es war das erste Mal, dass ich meine Fehler eingestand. Meine entsetzlichen Fehler. Aber eins nach dem anderen.
Die Semesterferien hatten gerade erst begonnen, meine Freunde Alwin und Marlon saßen am Beckenrand und ließen sich die Sonne auf die blasse Brust scheinen. Ihre Beine baumelten im Wasser, ihre Blicke schweiften über das Gelände des Dulsberger Freibads und blieben schließlich am Fünf-Meter-Turm hängen. Ich setzte mich neben Marlon, unseren Posterboy, durchtrainiert, blondes Haar, verteilte das Eis und reichte Alwin, der so ziemlich genau das Gegenteil war, die Packung Zigaretten. Ohne den Blick vom Fünfer zu lassen, öffnete Alwin die Folie mit seinen schartigen Zähnen und steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen.
»Schaut euch diese Fleischwurst an.« Marlon zeigte auf einen Jungen, der gerade die Leiter des Turms erklomm. »Der will doch nicht ernsthaft da runterspringen?« Er lachte und nahm die Hände schützend vors Gesicht, als würde der Junge gleich einen Tsunami auslösen.
Alwin zündete sich die Zigarette an. »Ich kann nicht weggucken. Das ist wie ein Unfall, Leute.«
Ich beschattete meine Augen mit der Hand, um besser zu sehen. Der Junge trat an den äußersten Rand des Sprungbretts, starrte nach unten, knetete die Hände und blickte dann suchend über die Liegewiese. Es kostete ihn eindeutig Überwindung, da oben zu stehen und ich fragte mich, wem er wohl etwas beweisen wollte. Ich schaute mich um, ob da irgendwo ein Mädchen oder wenigstens ein stolzer Vater stand und ihm beim Sprung zusah. Doch da war niemand. Nur ein qualmender Alwin und ein grinsender Marlon, die gierig darauf warteten, dass er einen Fehler beging. Und dann tat er ihnen den Gefallen. Anstatt zu springen, drehte sich der Junge um und stieg die Leiter wieder hinunter. Grölend klatschten Marlon und Alwin Beifall und feuerten ihn an. Ich hätte ihm so gern zugenickt, ihm Mut gemacht. Doch er hatte sichtlich Mühe, auf den nassen Sprossen nicht auszurutschen und sah nicht auf. Als er unten ankam, blieb sein Blick gesenkt und Alwin sprang auf.
»Tolle Show«, rief er, applaudierte enthusiastisch weiter und paffte Rauch in die Luft. Als er mich erwartungsvoll ansah, klatschte ich ebenfalls, wenn auch zögerlich, und beobachtete, wie der Junge mit hochrotem Kopf hinter einer Hecke verschwand. Ich schämte mich sehr.
»Wir haben Schwein gehabt, dass der keine Arschbombe gemacht hat«, sagte Alwin. Er setzte sich wieder, lehnte sich auf den Ellenbogen zurück, streckte die behaarte Brust raus und blinzelte in den Himmel.
»Was würdet ihr für eine Milliarde machen, aber nicht für eine Million?«, fragte er plötzlich.
»Was für eine bescheuerte Frage«, erwiderte Marlon und schlürfte das geschmolzene Eis aus der Packung.
»Du hast schon verstanden.« Alwin beugte sich nach links und schaute ihn direkt an. »Was ist so schlimm, dass du erst bei einer Milliarde weich wirst?«
Marlon dachte kurz nach und sagte schließlich: »Für eine Million würde ich dir einen blasen.«
Überrascht schaute Alwin ihn an. Dann grinste er. »Und für eine Milliarde?«
»Würde ich dir dabei in die Augen sehen.«
Alwin lachte auf, ließ sich ins Wasser fallen, tauchte kurz ab und dann direkt vor mir wieder auf. Sein gegeltes schwarzes Haar klebte auf seinem Schädel wie Teer.
»Und du, Donnie? Was würdest du machen?«, fragte er.
Ich atmete tief durch. Mir war klar, dass ich mitspielen musste.
»Wenn ich eine Milliarde hätte, würde ich eine Million davon Marlon geben, damit er dir einen bläst. Dann haben wir alle was davon.«
Ich glaube, Marlon fand das lustig, seine Reaktion bekam ich aber nicht mehr mit. Alwin zog die flache Hand über die Wasseroberfläche und spritzte mir ins Gesicht. Das Chlor brannte mir in den Augen, als er auch schon meine Beine packte, mich ins Becken zog und meinen Kopf unter Wasser drückte. Es ging so schnell, dass ich keine Chance hatte, Luft zu holen. Doch das war nicht mal das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass ich nicht schwimmen konnte.
Während ich panisch versuchte, die Luft anzuhalten, stemmte er die Hände auf meine Schultern und drückte mich weiter nach unten. Verzweifelt strampelte ich mit den Beinen und suchte Halt. Ich fand ihn zum Glück am Beckengrund. Mit aller Kraft drückte ich mich vom Boden ab. Oben angekommen schnappte ich gierig nach Luft, doch zwei Hände legten sich auf meinen Kopf und pressten mich erneut unter die Wasseroberfläche. Wieder stieß ich mich vom Boden ab, aber dieses Mal ließen mich die Hände nicht auftauchen. Meine Lunge fühlte sich an, als würde sie jeden Moment bersten. Alwin, du verfluchtes Arschloch, dachte ich, während vor meinen Augen helle Ringe aufblitzten. Ich stieß mich ein drittes Mal vom Boden ab, und diesmal gelang es mir, die Wasseroberfläche mit dem Kopf zu durchstoßen. Ich atmete tief ein und hustete, während ich verzweifelt mit den Armen ruderte, um den rettenden Beckenrand zu erreichen. Unter schallendem Gelächter zog ich mich aus dem Wasser und blieb hustend auf der Seite liegen. Der sonnenheiße Steinboden brannte auf meiner Haut, mein Herz schlug hektisch gegen die Brust, aber es fühlte sich gut an. Ich war noch am Leben und hoffte, dass die anderen nicht bemerkt hatten, dass ich nicht schwimmen konnte. Marlon reichte mir seine rechte Hand, die immer leicht nach Kardamom roch, um mir aufzuhelfen. Ich glaube, er war süchtig nach dem Zeug. In unserer WG-Küche gab es davon ganze Dosen voll. Genervt schlug ich die Hand weg, stand auf und lief zu den Toiletten. Hinter mir applaudierten Marlon und Alwin überschwänglich.
»Kann man nicht mal in Ruhe pissen gehen?«, rief ich ihnen zu, kurz bevor ich in die Herrentoilette einbog.
Ich stützte meine Hände auf dem Waschbeckenrand ab, drehte den Hahn auf und genoss einen Moment die kühle Temperatur und die Stille. Nur das Wasser plätscherte gleichmäßig vor sich hin. Dosierte, modulierbare Intensität, das war genau das, was es bei Alwin und Marlon nicht gab. Ich strich mir eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht und atmete hörbar aus.
»Der Sommer fängt ja gut an«, sagte ich zu mir selbst.
»Alles okay?«, fragte eine Stimme hinter mir.
Überrascht drehte ich mich um, doch da war niemand.
»Schlechten Tag gehabt?«, fragte die Stimme aus einer abgeranzten Kabine.
Ehe ich antworten konnte, fuhr der Typ fort. »Meiner war beschissen.«
»Warum?«, fragte ich, dankbar für den Grund, etwas länger von den anderen fernzubleiben.
»Ich bin hergekommen, um an meiner Abschlussarbeit zu arbeiten, aber finde nicht den richtigen Spot.«
»Den richtigen Spot?«
»Für mein Bild. Ich muss eine moderne Interpretation der ›Badenden in La Grenouillère‹ malen.«
Ich drehte den Wasserhahn zu. Es gibt Momente, die man nicht kommen sieht, dachte ich.
»Monet?«, fragte ich. »Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand Lichtreflexionen wie er einfangen kann. Warum versuchst du es nicht mit den ›Badenden bei Asnière‹ von Georges Seurat? Hinter dem Sprungturm sieht es fast genauso aus.«
Ich schaute in den Spiegel und sah mich zum ersten Mal seit Langem lächeln. Unterhalte ich mich gerade wirklich mit einem Fremden in einer öffentlichen Toilette über Georges Seurat? Über den Impressionisten, dem ich es verdankte, dass ich nur noch Porträts malte?
»Du verstehst also was von Kunst?«, fragte die Stimme aus der Kabine. Es lag etwas Sanftes, Melodisches in ihr. Ich versuchte, mir den Typen vorzustellen, bekam aber kein Bild zu fassen.
»Ich studiere im dritten Semester Malerei. Und du?«, fragte ich.
»Sechstes.« Es kehrte kurz Stille ein, dann fuhr der Fremde fort. »Kannst du mir einen Gefallen tun?«
»Kommt drauf an.«
»Ich brauche noch ein Aktmodell. Kann ich dich malen?«
Ich öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton heraus. Einen Augenblick lang schwiegen wir beide, dann tönte ein tiefes, kollerndes Lachen aus der Kabine.
»Mann, ich verscheißer dich doch nur«, sagte der Typ schließlich, als er sich beruhigt hatte. »Kannst du...