: Kaelo Michael Janßen, Thomas Nicolai
: Nackt auf Usedom
: Satyr Verlag
: 9783947106967
: 1
: CHF 15.30
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 392
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Zwei Autoren, zwei Leben, zwei Systeme und ein Coming-of-Age in West, Ost und Post. »Nackt auf Usedom« ist die komische und manchmal berührende Geschichte eines Briefwechsels zweier Jugendlicher aus Dortmund und Leipzig - und ein Roman, der seine Protagonisten von 1982 bis 2009, von der Pubertät bis ins Erwachsenenalter begleitet. Eine verordnete Ost-West-Brieffreundschaft: Anfang 1982 wird der 16-jährige Torsten aus Dortmund von seiner Lehrerin dazu genötigt, einen Briefwechsel mit dem gleichaltrigen Andreas aus Leipzig aufzunehmen. Das Ziel: ein Referat über das »reale Leben in der DDR« - Torstens letzte Chance auf die Versetzung. Tatsächlich entwickelt sich ein kontrastreicher Schriftwechsel zwischen dem oberflächlichen Ruhrpottjungen mit losem Mundwerk und dem schüchternen Leipziger, der nur eines besitzt, um das Torsten ihn beneidet: eine echte Band. Doch genervt von der arroganten Art Torstens und dessen kompletter Ahnungslosigkeit über die DDR, beginnt Andreas, ein skurriles und völlig überspitztes Bild zu zeichnen, in dem die allgemeine Nacktpflicht auf Usedom noch eins der harmloseren Märchen über den real existierenden Sozialismus ist. Der Dortmunder Autor Kaelo Michael Janßen und der bekannte Kabarettist und Comedian Thomas Nicolai begleiten in ihrem Romandebüt die Protagonisten durch mehr als zweieieinhalb Jahrzehnte und zwei Systeme: episodisch, höchst lebendig und nicht zuletzt urst komisch.

Kaelo Michael Janßen ist gebürtiger Dortmunder und erklärter BVB-Fan. Seiner beruflichen Vielseitigkeit zum Trotz - sie reicht von Schlosser über Bundeswehrsoldat, Möbelpacker, Verkäufer, Buchhalter und Dozent bis zum Arbeitsvermittler - gibt es seit 2000 eine dauerhafte Konstante in seinem Leben: die Mitgliedschaft bei der Schriftstellervereinigung »42er Autoren«, für die er auch mehrere Jahre im Vorstand tätig war. Zahlreiche Kurzgeschichten von ihm wurden in unterschiedlichen Anthologien veröffentlicht. Thomas Nicolai, Jahrgang 1963, stammt aus Leipzig und ist bekannter Comedian, Parodist und Schauspieler. Er lernte an der Schauspielschule Ernst Busch, spielte Theater in Berlin und ist seit 1994 als freischaffender Comedian mit eigenen Programmen unterwegs (bekannt wurden u. a. seine Figuren »Der blonde Emil« und »Patrick Schleifer«). Im Fernsehen war er in diversen Shows von RTL, 3sat, ProSieben, WDR, NDR und Sat.1 zu sehen. Er moderierte im »Quatsch Comedy Club« und bei »NightWash«, hat einige Kleinkunstpreise erhalten und ist als Sprecher für Audioproduktionen tätig. Als Autor entwickelte er die Kinderhörspielserie »Die Märchenmäuse« mit, veröffentlichte zahlreiche Tonträger, den Sprachführer »Sächsisch für Anfänger« und übersetzte »Die Simpsons« und »Asterix« ins Sächsische. Thomas Nicolai lebt mit seiner Familie in Berlin.

KAPITEL ZWEI


Andreas, Leipzig (DDR), 12. März 1982


Ich schaue auf den Wecker. 12:21 Uhr. Es ist einfach genial, Ferien zu haben. Ausschlafen bis zum Gehtnichtmehr. »Bis mir der Rücken wehtut«, hat Oma immer gesagt.

Heiner, Frank und René sind arbeiten.

»Ferienjobs sind super. Da kannste richtig Kohle machen!«, hatte Frank mir vorgeschwärmt.

»Aha. Kohle. In der DDR. Und was willste dir dann davon kaufen? Die Lizenzplatten, die es dann doch nicht gibt? Klingt nicht so prall.«

Frank hatte abgewinkt. »Andreas, das weiß ich doch auch. Aber Geld ist Geld. Ist immer gut, welches zu haben.«

»Tut mir leid, Alter«, hatte ich widersprochen. »Aber Ferien sind mir heilig. Arbeiten und Geld verdienen kann ich doch bis ans Ende meines Lebens.«

Frank hatte eine Fratze gezogen und im Weggehen gegrummelt: »Du redest wie ein alter Mann!«

»Nee, ich rede eher wie ein cleverer Mann!«, hatte ich ihm grinsend hinterhergerufen.

Ist doch so. Warum soll ich arbeiten, wenn Mama und Papa sowieso alles zahlen? Zumindest solange ich zu Hause wohne und noch zur Schule gehe.

Und klar, irgendwann ist das vorbei. Spätestens ab September, wenn ich meine Lehre als Konditor beginne. Was für eine bescheuerte Idee! Konditor. Na ja, aber irgend’ne Lehre muss ich halt machen. Mein eigentlicher Berufswunsch wäre sowieso Rockstar. Absolut.

Singen, sich auf der Bühne abfeiern lassen und dafür dann auch noch Geld bekommen. Das wäre ein Leben!

Aber das geht ja hier nicht, in diesem wunderbaren Arbeiterund-Bauernstaat. Wenn du mit deiner Band auf die Bühne willst, darfst du das erst, wenn eine Bonzen-Stasi-Arschloch-Kommission dir das erlaubt.

Immer schön schleimen, wie toll dieses Land ist. Ich kann Nina Hagen so gut verstehen, dass die abgehauen ist. Uwe, der aus der Parallelklasse, hat mir die Nina-Hagen-LP geliehen. Wahnsinn. Was die da macht. Und wie sie es macht.

Schon der erste Song »TV-Glotzer« hat mich komplett umgeblasen. Die ist völlig verrückt geworden. Uwe meinte, die nimmt Drogen und ist nicht mehr zu retten. »Na und«, hab ich gesagt. »Wenn dabei dann so was rauskommt?«

Ich stelle mir das so vor: Ich bin Nina Hagen und so kurz vorm Abnippeln, der Tod kommt und sagt: »Ich muss dich leider mitnehmen. Aber eine Sache noch, mal was ganz Persönliches, also deine erste LP im Westen, die war scho