Warum Hitler den Krieg verlor
Mein erstes Seminar in West Point fand in der letzten Woche des Septembers 2053 statt. Ich hatte nur deshalb so viel Zeit im Vorfeld, meine Nervosität ganz langsam und allmählich zu steigern, weil die Sommerzeit gerade in der hohen Generalität auch die bevorzugte Zeit der Fronturlaube bildete. General Henry Blame höchst persönlich hatte seit dem Amtsantritt von Michael Cane seinen Sommerurlaub von bescheidenen zwei Wochen in der ersten Septemberhälfte terminiert. So ergab es sich, dass ich auf Henrys Wunschtermin gerne einging. Denn der Termin signalisierte eine gewisse Rücksichtnahme auf unseren hoch gestellten Adressatenkreis und er bot mir so ganz nebenbei die hervorragende Gnadenfrist von rund sechs Wochen, die ich zur gründlichen Vorbereitung auf meine Auftaktveranstaltung nutzen konnte und wollte. - Was hatte ich dazu schon bis in den August hinein unternommen?
Unmittelbar nach meiner Ernennung zum Geschäftsführenden Direktor von New West Point erhielt ich nach eingehender Diskussion mit Henry Blame einen Stellenplan für meinen Laden genehmigt. Dieser enthielt neben der Verwaltung, meinen beiden Stellvertretern und einem Dutzend Dozenten auch einen persönlichen Referenten. Das fand ich durchaus angemessen angesichts meiner Aufgabe. Doch ich hatte keine Vorstellung davon, wie man innerhalb der Streitkräfte eine solche Stelle kompetent besetzte. Ich nutzte die nächste Gelegenheit eines Treffens mit General Blame dazu, ihn um praktischen Rat zu fragen. Henry lächelte mich wissend und überlegen an.
„Ludwig, du hast nicht die geringste Chance, eine Spitzenbesetzung für die Funktion deines Adjutanten – denn das ist es in Militärkreisen, was außerhalb der Forces sich Referent schimpft – zu erreichen. Denn du kennst keine erstklassigen und ehrgeizigen jungen Offiziere. Und umgekehrt erfahren die jungen Leute nicht von dir, weil wir nicht die Zeit für eine Ausschreibung haben. Du brauchst eine Empfehlung von jemandem, der sich auskennt. Ich mache das für dich. Ich besorge mir Empfehlungen. - Wofür habe ich schließlich einen eigenen Adjutanten, der den Kontakt zur Jugend ja noch nicht ganz verloren hat. Ich könnte auch Den Direktor von West Point, Kamerad Forsythe, fragen, aber der ist vielleicht zu neidisch und missgünstig, um die beste Empfehlung zu geben, die er geben könnte.
Vier Tage später erhielt ich vom Adjutanten des Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs eine knappe Mail, Lieutenant Allister Carthy wolle sich auf sein Geheiß bei mir vorstellen. Ich sagte freudig zu und packte den Termin in meinen Kalender am nächsten Tag, an dem ich wieder in Washington weilte und nicht den gesamten Tag für Mike reserviert hatte. Ich lernte im Büro des obersten Stabschefs einen bemerkenswerten jungen Mann kennen. Als Absolvent des letzten Jahrgangs in West Point wurde der Luftwaffen-Fähnrich zum Leutnant befördert. Aus hunderten von Bewerbern wurden zwei ausgewählt, um dem großen Generalstab der Air Force zugewiesen zu werden. Carthy war einer der beiden. Seine Masterarbeit in West Point hatte er in Militärgeschichte geschrieben. Dabei untersuchte er die Wirkung alliierter Luftangriffe auf industrielle Ziele in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Auf der Grundlage des Forschungsstandes führte Carthy Simulationsrechnungen durch. Welche Effekte auf die Beeinträchtigung der deutschen Kriegswirtschaft wäre erzielt worden, falls die Strategie der Alliierten weniger die Massenindustrien sowie die Wohngebiete in den Siedlungszentren ins Zentrum der Zielobjekte gerückt hätte, sondern vielmehr strategische Schlüsselindustrien für große Teile der Rüstungsproduktion? So hatte zum Beispiel Reichsrüstungsminister Albert Speer in seinen Erinnerungen herausgestellt, dass die Produktion von Kugellagern in der fränkischen Region Schweinfurt eine solche gewesen sei. Als weiter kamen die Herstellung von Getrieben für all