New York City, Dezember 1906
Es war ein Jahr voller Verluste gewesen. Voller Verluste und Unsicherheit. Voller Dunkelheit, die ich nicht abschütteln konnte. Daniels Stelle bei der New Yorker Polizei hing immer noch in der Schwebe, obwohl im Januar ein neuer Commissioner sein Amt antreten würde – ein Commissioner, den Tammany Hall hoffentlich weniger in der Tasche hatte. Daniel hatte die Unannehmlichkeiten eines korrupten Departments, das einen Grund zum Rauswurf zu finden versuchte, gemieden, indem er Aufträge von Mr. John Wilkie annahm, dem Kopf des US Secret Service. Der erste Auftrag hatte ihn nach San Francisco geführt und uns beinahe alles gekostet, was uns teuer war. Er war anschließend zu mehreren Anlässen nach Washington zitiert worden, hatte sich aber immer noch nicht entschieden, ob er eine dauerhafte Stellung dort annehmen sollte. Das lag vermutlich an mir. Denn er wusste, dass ich mir schreckliche Sorgen machte, wenn er fort war, und dass ich auf die Unterstützung meiner lieben Freundinnen in New York angewiesen war. Und offen gesagt brauchte ich diese Unterstützung im Augenblick dringend.
Sie müssen wissen, dass ich nicht ganz ich selbst war, nachdem wir aus San Francisco zurückkehrten. Ich hatte mir gesagt, dass alles gut war und ich wieder mit meinem alten Leben weitermachen könnte, aber es war nicht alles gut. Ich war sowohl körperlich als auch psychisch verletzt worden. Hatte am Rand des Wahnsinnes gestanden, um genau zu sein. Und das Ergebnis war, dass ich das Kind verloren hatte, von dem ich nicht gewusst hatte, dass ich es in mir trug. Eine Fehlgeburt nach drei Monaten, gerade, als ich mir gesagt hatte, dass alles gut werden würde. Der Arzt hatte es heruntergespielt: Ein großer Anteil Schwangerschaften enden in einer Fehlgeburt, hatte er zu mir gesagt. So stelle die Natur lediglich sicher, dass unvollkommene Kinder nicht das Licht der Welt erblickten. Aber ich sei im Grunde eine gesunde, junge Frau. Nichts halte mich davon ab, augenblicklich ein weiteres Kind zu bekommen. Er sprach davon, als ginge es nur darum, ein Kleid wegzuwerfen und sich ein neues auszusuchen. Aber ich betrauerte dieses Kind und ich war überwältigt von Schuldgefühlen. Ich war mir sicher, dass das Kind in Ordnung gewesen wäre, wenn ich nicht so impulsiv gewesen und meinem Ehemann nach San Francisco gefolgt wäre. Ich hätte es etwa zu dieser Zeit auf die Welt gebracht. Ein Weihnachtskind. Ich versuchte, mich daran zu gemahnen, dass ich vielleicht meinen Ehemann verloren hätte, wenn ich nicht nach San Francisco gegangen wäre, aber nichts, was ich sagen oder denken konnte, holte mich aus der Dunkelheit heraus, die mich zu verschlingen drohte.
Ich ging meiner Hausarbeit nach, kümmerte mich um meinen Sohn und meinen Ehemann und tat so, als genösse ich die Versuche meiner Freundinnen, mich aufzuheitern und zum Lachen zu bringen, aber in Wirklichkeit fühlte es sich an, als betrachtete ich die Welt durch einen schwarzen Schleier. Und gerade als ich spürte, keine weitere schlechte Nachricht vertragen zu können, kam sie dennoch. Im Oktober erhielten wir ein Telegramm, in dem stand, dass Daniels Mutter ins Krankenhaus gebracht worden war, mit einer Lungenentzündung. Sie war so krank, dass wir glaubten, wir würden sie verlieren. Ich muss gestehen, dass ich Mrs. Sullivan, wie ich sie immer noch nannte, nie sonderlich gemocht habe. Ich hatte immer das Gefühl gehabt, dass sie mich als Enttäuschung sah, weil sie gewollt hatte, dass ihr Sohn eine bessere Partie macht und in der Gesellschaft aufsteigt. Aber es tat mir weh zu sehen, wie verzweifelt Daniel bei dem Gedanken daran war, seine Mutter zu verlieren. Ich schätze, das Band zwischen Mutter und Sohn ist ein starkes.
Erstaunlicherweise stand sie das Schlimmste durch und ich nahm meinen Sohn Liam mit nach Westchester County hinauf und half der betagten Haushälterin Martha dabei, nach Daniels Mutter zu sehen, während sie sich erholte. Mein junges Mündel Bridie ließ ich bei meinen Nachbarinnen Sid und Gus, sodass sie weiter zur Schule gehen konnte. Sie erblühte zu einer selbstbewussten und gebildeten jungen Frau und ich wollte ihre Ausbildung nicht unterbrechen. Mich einer solchen Herausforderung zu stellen, war vermutlich eine gute Sache. Es lenkte meine Gedanken von meinem gegenwärtigen Zustand ab. Tatsächlich ertappte ich mich, als Weihnachten näher rückte, dabei, dass ich mich auf das Fest freute. Daniel würde aus Washington nach Hause zurückkehren, da