S-Bahn, Geheimnisse und Bilder,
die ein Leben malt
Einer nach dem anderen schlenderte teilnahmslos ins S-Bahn-Abteil, plumpste auf einen Sitz oder lehnte an freien Plätzen an der Automatiktür. Junge Leute waren das, auch alte, einer mit Fahrrad, ein Mädchen mit Kinderwagen usw. Die mit dem Baby hatte gerade noch ihre Kippe draußen vor der Bahn auf die Gleise geschnippt, bevor sie eingestiegen war; ihre pinkfarbenen Haare quollen aus ihrer Pudelmütze hervor. Es rappelte, klapperte, schabte und knisterte im Abteil. Mensch an Mensch. Sie streiften sich, umgingen sich und sahen sich kaum an. Dennoch: Trotz all des Gewusels, hervorgerufen durch Bewegungsgeräusche, herrschte eine bedrückende Stille. Kommunikation untereinander gleich null. Ein Montagmorgen wie viele andere.
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Ich hatte einen Sitzplatz ergattert, hockte steif da und sah ins Nichts, durch die Menschen hindurch ins Alltägliche. Das funktioniert prima. Man schaut ins Leere und kriegt trotzdem alles mit. Das ist eine Kunst, die ich über die Jahre meiner «ICH FAHR MIT DER S-BAHN KARRIERE» bis ins letzte Quäntchen verfeinert habe. Gelegenheiten hatte ich bisher genug. Immer dieselbe Strecke, seit Jahren schon: Marzahner Häuserschluchten hin und zurück.
Neben mir träumte ein älterer Herr. Er war gerade eben eingestiegen, hatte seine Aktentasche zwischen seine Beine geschoben, sich zurückgelehnt und war sofort eingeschlafen. Oder er tat nur so. Gut war, dass ich keinen Körperkontakt zu ihm hatte, so viel Distanz hatte er gewahrt. Ich hasse Körperkontakt mit mir unbekannten Menschen. Er roch nach Alkohol und Zigarettenrauch. Das auch noch.
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Ich überlegte, ob sich Hannah, nachdem ich losgedüst war, wohl noch mal hingelegt hat? Sie hatte frei an jenem Tag, wollte von dem aufregenden Wochenende runterkommen, das so anders war, wie sie mir beim Abschied ins Ohr hauchte. Sie hatte mich nach unten begleitet, war im Fahrstuhl die acht Etagen mit mir runtergefahren, dann noch mal mit mir hoch in die Elfte und dann wieder runter. Alles nur, um nicht zu früh loslassen zu müssen. Gut, dass Aufzüge keine Kameras haben. Die Überwacher wären aus ihrem Montagsschläfchen gerissen worden. Sie hätten gesehen, wie wir fühlen, hätten gesehen, dass die Liebe eins aus uns gemacht hat, jedenfalls immer dann, wenn keiner zu uns einstieg. Und sie hätten Hannah gesehen, eine glückliche Hannah, meine. Manchmal glaube ich, dass man glücklichen Menschen ansieht, was in ihnen vorgeht. Hannah sehe ich das an der Nasenspitze an. Da können Gesichter Filme abspulen die Hollywoodqualität aufweisen. So wie gerade eben bei ihr, vor einer halben Stunde im Fahrstuhl und bei all den Handküssen, bevor sich die Schiebetür des Liftes schloss.
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Abfahrtsignal!
Die Türen schlossen sich, niemand nahm Notiz davon. Ohne einen Ton, ohne Quietschen, ohne Rattern setzte sich die rotgelbe Stahlschlange in Bewegung. Auf gings.
Da hockten und standen sie, ein bunter Mix an Leuten, die offenbar zur Arbeit wollten. Nach durchzechter Partynacht sah keiner aus, auch wenn alle Großstadtzombies (manche ähnelten denen tatsächlich) trübe Blicke und Falten um die Augen hatten. Aber das war, schätze ich mal, die Müdigkeit, denn es war 6:30 Uhr, eine verdammt unchristliche Zeit. Wer um diese Zeit in der Bahn hockt, um durch Marzahn zu brettern, muss mehr oder weniger zur Arbeit; was soll man denn in dieser Beton-Gegend sonst machen? Kino? Klub? Theater? Rockkonzert? Wohl eher nicht. Ok, ein paar Schnarchnasen, die von ihrer Geliebten zurückkehrten, werden wohl auch dabei gewesen sein. Ups, zu denen gehöre ich auch irgendwie? Nein, bei mir ist das mehr, viel mehr, viel, viel mehr. Ich vermisse sie jetzt schon, halte mir meine Hände vors Gesicht und atme sie und das ganze Wochenende noch einmal ei