: Georg Brun
: Spüre meinen Zorn
: Bookspot Verlag
: 9783956691898
: 1
: CHF 7.10
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 336
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Von zahlreichen Messerstichen zerfetzt und in Blut getränkt: So findet die Polizei einen auf grausame Weise getöteten Mann vor. Der frischgebackene Leiter der Mordkommission Wolfgang Stöhrl erkennt sofort, dass dieser das Opfer ungezügelter Raserei wurde. Zunächst vermutet er eine Beziehungstat, doch als ein weiterer Mord geschieht, werden die Ermittlungen kompliziert. Beide Tote nutzten Dating-Plattformen, um nach unverbindlicher Lustbefriedigung mit einem speziellen Kick zu suchen. Trotzdem glaubt Stöhrl weiterhin an seine ursprüngliche Fährte. Als er sich immer mehr verrennt, stellt sein pensionierter Vorgänger auf eigene Faust Nachforschungen an. Denn Nathan Weiß hat ohnehin noch eine Rechnung offen: Seinen letzten Fall konnte er nicht lösen. Bald offenbart sich ihm eine Welt voller Hass und Begierde, die ihn auf die Spur einer Serienmörderin bringt. Doch woher stammt ihre blinde Wut? Und wie kann sie gestoppt werden? 'Spüre meinen Zorn' blickt tief in die Abgründe einer gequälten Seele - düster, verstörend und packend bis zur letzten Seite!

In München im Jahr 1958 geboren, ist Georg Brun mit einigen Abstechern stets ein »Münchner Kindl« geblieben. Auf mehrere Jahre im Bayerischen Landeskriminalamt und das Jura-Studium folgte eine langjährige Tätigkeit im Wissenschaftsministerium. Als Georg Brun im Jahr 1988 mit »Das Vermächtnis der Juliane Hall« sein erstes Buch veröffentlichte und dafür den Bayerischen Förderpreis für Literatur erhielt, begann sein erfüllendes Doppelleben als Jurist und Schriftsteller. Mit »Bodenloser Fall« und »Gewissenlose Wege« eröffnete er seine München-Krimi-Reihe rund um die junge Anwältin Olga Swatschuk. »Spüre meinen Zorn« ist der erste packende Fall des pensionierten Kommissars Nathan Weiß, der ebenfalls im Bookspot Verlag erscheint. Mehr über den Autor unter www.georgbrun.de oder auf Instagram unter: @brungeorg

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Die dunkelbraunen glatten Haare hingen fettig und strähnig herab, die scharfe Hakennase erinnerte mit dem Höcker unter der steilen Zornesfalte an einen Geierschnabel, die bleistiftstrichdünnen Lippen zogen sich blutleer in die hängenden Mundwinkel hinein, die braungrünen Augen lagen verschattet und tief, die Wangenknochen hoch angesetzt über eingefallenen Backen und das Kinn viel zu spitz. Gern hätte Karin Fellermayr es vermieden, ihren Blick auf den dünnen, faltigen Hals fallen zu lassen, aber den erfassten ihre Augen zwangsläufig, als erst das trotzige Kinn in den Fokus gelangt war. Da wurde aus dem Missmut Zorn. Was hatte das Leben aus ihr gemacht? Rücksichtslos offenbarte ihr Spiegelbild die verlebten Jahre, unnütz vertändelte Zeit. Jetzt stand sie mit leeren Händen da, verlacht von einem bösartigen Schicksal. Als ob sich die ganze Welt gegen sie verschworen hätte, konnte sie nicht einmal ihre demente Tante Irma im Pflegeheim besuchen, weil eine angebliche Pandemie ein völliges Kontaktverbot und Herunterfahren des öffentlichen und sozialen Lebens erforderte. Wütend schüttelte sie den Kopf darüber, dass sich ein zivilisiertes Land von einem läppischen Erkältungskeim lahmlegen ließ.

Bisher hatte sie ihren Zorn wenigstens damit im Zaum halten können, nach Lust und Laune in die Berge zu gehen, sich auf Skitouren in den Tiroler Alpen auszutoben oder anspruchsvolle Bergtouren zu unternehmen. Doch jetzt war die Grenze geschlossen, aus dem Haus durfte sie nur mit einem triftigen Grund, und der Alpenverein bat dringend, Bergtouren zu unterlassen. Seit einer knappen Woche ging das jetzt so und seitdem brodelte ihr Lebenszorn immer heftiger.

»Du musst versuchen, deine Wut herauszulassen«, hatte ihre Therapeutin ihr schon vor langer Zeit geraten und ihr die Technik mit dem Wutkissen beigebracht. Für etwas mehr als dreißig Euro hatte sie sich das Kissen im Internet gekauft, das treffend angepriesen worden war:Das Kissen kann an der Wand aufgehängt oder auf den Boden gelegt werden. Es ist perfekt, um angestaute Wut richtig herauszulassen. Die dicke Polsterung und der weiche Stoff verhindern, dass es dabei zu Verletzungen kommt. Seitdem hing das Wutkissen im Schlafzimmer gleich neben dem Bett an der Wand, und die Delle in seiner Mitte bewies den regelmäßigen Gebrauch. Je nach Laune stellte sie sich das eine oder andere Gesicht aus der Reihe ihrer Peiniger vor und drosch dann drauflos. Doch jetzt, das spürte Karin überdeutlich, war Schluss mit dieser Therapeutenempfehlung, die nichts anderes war als eine infantile Ersatzbefriedigung. Sie würde künftig ihren Zorn wirkungsvoller austoben.

Trotzig reckte sie ihr Kinn vor, dann begann sie, sich die Haare abzuschneiden. Als nur noch ein zerzauster Bubikopf übrig war, griff sie zum Langhaarschneider, stellte ihn auf neun Millimeter und schor sich sorgfältig den Kopf zur postmodernen Einheitsfrisur. Nun stülpte sie sich die Plastikhandschuhe über und rieb ihren Schädel mit dem Bleichmittel ein, das sie zehn Minuten wirken ließ, ehe sie sich die Haare wusch.

Zufrieden betrachtete sie das Ergebnis: Ein raspelkurz geschnittener, blonder, etwas kantiger Frauenkopf blickte ihr entgegen. Sie setzte die grünen Kontaktlinsen ein und begann, sich mit der Auswahl an Abdeckstiften, die sie zur Verfügung hatte, ein perfektesColor-Correcting aufzulegen. Endlich waren die fahle Gesichtsfarbe überdeckt, dasBronzing dezent, aber wirkungsvoll, und die Tränensäcke verschwunden. Sie verließ das Bad Richtung Schlafzimmer und musterte sich im Vorbeigehen im Garderobenspiegel. Ihre knabenhafte Figur hätte gern um drei Pfund fülliger ausfallen können, aber immerhin waren Bauch, Schenkel und Po ziemlich straff für ihr Alter. Das hellte ihre Stimmung ein wenig auf, und als sie im Schlafzimmer in den langärmligen Latexbody schlüpfte, der sich wie eine zweite Haut an ihren Körper schmiegte, meldete sich verhalten Vorfreu