Berlin, Waldbühne
Freitag, 15.7.2022
15.50 Uhr
Noch ist es still. Die leeren Tribünen ziehen sich in strenger Symmetrie den Hang hinauf. Treppenaufgänge unterteilen die Ränge, helle steinerne Bänder, gerahmt vom Grün halbhoher Hecken an den Geländern. Die Berliner Waldbühne wurde für die Olympischen Spiele 1936 gebaut, angeregt von Joseph Goebbels, angelehnt an die Architektur antiker Theater. Das Einzige, was aus der Strenge heraussticht, ist ein weißes Zeltdach in der Mitte, gegenüber der Bühne. Früher war hier die Führerloge, heute sitzen Toningenieure und Lichtgestalter an Mischpulten und Reglern, vor Laptops und Bildschirmen.
Gegenüber, über der Bühne, spannt sich ebenfalls ein Zeltdach, größer und ausladender – geradezu ikonisch in seinem charakteristischen Schwung und den beiden Spitzen links und rechts. Bühnentechniker richten noch Mikrofone ein, jemand stimmt eine E-Gitarre. In zehn Minuten beginnt der Soundcheck.
Der Himmel über Berlin ist weiß wie Milch.
16.57 Uhr
Die Security zieht ein. Dutzende Ordner schwärmen aus – dunkel gekleidete Gestalten in Warnwesten strömen zeitgleich vom oberen Rand des Talkessels die Tribünen hinab, verteilen sich über die Ränge, leuchtendes Orange vor monochromem Grau, das Ganze wirkt wie eine Ballettchoreografie. Über den Bäumen hinter den Rängen schwebt die Spitze des Olympia-Glockenturms.
Die Waldbühne gilt als eine der schönsten Freilichtbühnen Europas, die Rolling Stones und die Berliner Philharmoniker treten hier auf, Eric Clapton, Iron Maiden, Björk.
17.30 Uhr
Vorn beginnt der Einlass, backstage gehen Crew und Band essen. Alle sitzen an Bierzelttischen unter Bäumen – Braten mit Soße, veganes Schnitzel, Salat, Kuchen, Kaffee, Wasser, Saft. Alle wirken entspannt und gut gelaunt, reden, lachen.
Jenseits des kleinen Wäldchens, das Backstagebereich und Freilichtbühne trennt, füllen sich währenddessen die Ränge. Man sieht das Publikum nicht, hört nur die Geräuschkulisse, dieses gleichmäßige Stimmengewirr, das langsam und beständig anschwillt, immer wieder unterbrochen von einzelnen Rufen, von Gelächter. Heitere Wellen der Vorfreude, die herüberschwappen. Ein Flirren liegt in der Luft, eine leise Aufgeregtheit.
In gut zwei Stunden beginnt das Konzert.
19.45 Uhr
Er ist pünktlich, wie immer. Höflichkeit und Rock ’n’ Roll schließen sich nicht aus. Er trägt Anzug, wie immer, auch das Ausdruck seines Respekts. Wenn mein Publikum sich gut anzieht, weil es ins Konzert geht, sagt Roland Kaiser, dann tue ich das selbstverständlich auch.
Im nächsten Moment bricht ein Sturm los ...
Backstage
Die Musiker kommen, und es schallt durch die Waldbühne:Let meeee entertain youu! Drängende Gitarren, ein treibendes Schlagzeug, Klavier, Keyboards und buntes Scheinwerferlicht. Das Publikum jubelt. Im nächsten Moment ein fließender Übergang zum Intro vonKurios – und dann tritt auch Roland Kaiser aus dem Dunkel. Die Fans klatschen begeistert, rufen seinen Namen – und er geht langsam vor zum Bühnenrand, schaut in dieses Meer von Menschen vor sich, lächelt und verbeugt sich.
Und dann:Schlafzimmerblick, dazu ein Spitzenrosé …
Das Publikum singt mit: …gefühlte tausend Tage Sehnsucht! Überall halten Fans rote Pappherzen in die Luft und Schilder: ROLAND, WIR LIEBEN DICH! Die Gitarren drängen weiter, die Drums treiben, das Klavier, die Keyboards, und dann singen alle:Vergessen ist, was war, wir sind wieder daaa …
In weniger als zwei Minuten singt und tanzt die gesamte Waldbühne.
Das zweite Lied:Ich glaub, es geht schon wieder los. Ein rockiges Intro – wer spielt hier, irgendeine angesagte US-Band? Das Publikum geht mit, singt, tanzt. Ein Mann – auf seinem T-Shirt prangtDas Beste am Leben – küsst seine Frau. Sie strahlt ihn an.
Stark. Junge Frauen tanzen auf den Rängen, mitteljunge, mittelalte, noch ältere. Ältere Männer wiegen sich im Takt, mittelalte, mitteljunge, ganz junge. Ein Mann mit Siegelring hat einen verdammt sexy Hüftschwung.
Der Himmel über Berlin reißt auf.
Kein Problem. Überall rücken Pärchen zusammen: Eine Frau umarmt ihren Partner, er küsst ihr Haar. Ein Mann prostet seiner Liebsten mit einem Roland-Kaiser-Becher zu – sie greift zu, erst nach dem Becher und dem Kaiser, dann nach ihrem Mann. Verkäufer mit Bauchläden voller Bier und Erdbeerbowle schieben sich durch die ausgelassene Menge.
Santa Maria: Eine ak