1 Thailand
Neben mir gackert es laut. Evita stolziert auf den Hof, legt ruckartig den Kopf schief und lässt den Schnabel in eine Ritze zwischen den Steinplatten sausen, aus der ein bisschen Unkraut sprießt. Seit zwei Wochen haben wir hier im Coworking-Space Zuwachs bekommen: Weil die Henne immer wieder vom Nachbargrundstück aus zu uns herübergeflattert ist, hat sich mein Kollege Chuck ihrer angenommen. Offenbar hat er der Nachbarin das Huhn abgekauft, es vor ihrem Kochtopf gerettet – sie macht ein fantastisches grünes Curry mit Chicken – und hat das Tier auf den Namen Evita getauft. Er findet, „sie sieht im Profil aus wie Madonna in diesem Film, bloß ohne die blonden Haare – schau doch mal, der Gesichtsausdruck!“
Ich sehe nichts, was auf Madonna hinweist, lasse Chuck aber in seinem gefiederten Glück. Ohnehin hat er einen Hühner-Spleen, der nicht von schlechten Eltern ist. Schon kommt er gurrend auf Evita zu und legt ihr ein paar dünne Reisnudeln hin, die von seinem Frühstück übrig geblieben sind.
Wir teilen uns ein Büro in Bangkok, einen kleinen Raum mit drei Schreibtischen und einer Klimaanlage, die immer wieder schlappmacht, so dass wir eine abenteuerliche Serienschaltung an Ventilatoren aufgestellt haben. Den dritten Tisch hat Marcia gemietet, eine Amerikanerin, die den Hühner-Wahnsinn von Chicken-Chuck mit einem Achselzucken und vielen Vogel-Witzen recht cool nimmt.
Allerdings hat auch sie geschluckt, als er das erste Mal mit einer Kette auftauchte, an die er sich ein Paar Hühnerfüße gehängt hatte. „Er hat wohl von diesen Pilzen zuviel erwischt“, wisperte sie mir zu. Von denen hat er meiner Meinung nach schon öfter eine zu heftige Dosis abgekriegt. Als er einmal im Sonnenuntergang mit ruckendem Kopf und einem selbstgebastelten Häubchen aus Federn auf und ab stolziert ist, war ich kurz davor, ihn zum Arzt zu bringen.
Es sei seine Art, sich auf neue Aufgabe