2. Misses Ellen Mae
Doch wie fing das alles an, mein Sprung über den großen Teich? Dafür muss ich mich zurück erinnern an den sonnigen Herbst 2047. Wunderbar war das Wetter und ich radelte wenige Tage nach der Frankfurter Buchmesse durch die Isarauen nördlich meiner geliebten bayerischen Landeshauptstadt, als ich bei einer ausgiebigen Radler- und Zigarettenpause eine knappe Mail las. Eine Mitarbeiterin der Bill-Gates-Stiftung für Frieden und gesellschaftlichen Fortschritt schrieb mir, dass sie meinen Roman 1946 gelesen habe. Das Direktorium der Stiftung habe auf Grundlage ihrer Expertise beraten und sich entschlossen, mir eine Zusammenarbeit zum Zweck der Veröffentlichung von 1946 in den Vereinigten Statten anzubieten. Man sei von der visionären Kraft der Friedensbotschaft tief beeindruckt und fest davon überzeugt, dass noch niemals ein belletristisches Werk erschienen sei, dass den Menschen derart eindringlich und realistisch nahebringen könne, was zur Sicherung des Weltfriedens gerade auch in unserer Zeit in den Herzen und Köpfen der Öffentlichkeit von Nöten sei. 1946 berge die Chance in sich, in Amerika den erneut bedenklich aufkeimenden Geist des Populismus und des Isolationismus zu bannen. - Falls ich mit dem Ziel übereinstimme, meine Botschaft in die tief aufgewühlte Gesellschaft der USA zu tragen, so wünsche man sich die Aufnahme eines Gespräches zur Vorbereitung einer Publikation in Amerika, verbunden mit einer breiten Kampagne zur Einbeziehung der Medien in die Vermittlung eben jener meiner Botschaft.
Ich fühlte mich richtig verstanden, natürlich war ich ebenfalls nicht wenig geschmeichelt. Spontan sandte ich per Smart-Phone die knappe Botschaft zurück, mit den Intentionen der Stiftung im Allgemeinen und in Bezug auf mein Buch im speziellen völlig überein zu stimmen. Ich sei gerne gerne bereit, eine Vertreterin, einen Vertreter das Gates-Stiftung zu empfangen und weitere Aspekte der Zusammenarbeit eingehend zu erörtern. Gegenüber meinem deutschen Verlag bestünden derzeit noch keine Verpflichtungen zur Veröffentlichung im englischsprachigen Ausland. Wir seien somit frei in Entscheidungen zur Auswahl verlegerischer Partner. Als ich sodann am Abend nach einer herrlich ermüdenden, langen Fahrt den Fluss hinaus und wieder nach München zurück mich in der Badewanne entspannt hatte, ging schon eine Antwort ein. Ich wunderte mich über die kurze Reaktionszeit und damit über die Handlungsfähigkeit der Gates-Stiftung, offenbar ohne weitere Gremienberatungen die Zusammenarbeit in die Tat umzusetzen. Mir wurde angekündigt, dass Misses Ellen Mae nach Deutschland reisen und für das Direktorium zu sprechen bevollmächtigt sei. Die Verfasserin der Mail Ellen Mae erläuterte kurz, während eines Studiums in Berlin unsere Sprache erlernt und darüber zur Einführung meines Romans in die Entscheidungsgremien der Stiftung berufen gewesen zu sein. Ich dürfe ihrer Kompetenz in der Sache und in Bezug auf die Geltung ihres Urteils für die Stiftung uneingeschränktes Vertrauen schenken. Nur vier Tage später traf Mrs. Mae am Franz-Josef-Strauß-Airport in München ein. Wir trafen uns bei mir zu Hause. Ich wohnte in einem unscheinbaren Reihenhaus in Garching vor den nördlichen Toren München in einer Siedlung nahe der Isar. Von hier aus brach ich häufig zu entspannenden ebenerdigen Radtouren entlang des Flusses in das nur 16 Kilometer entfernte Freising und darüber hinaus nach Nordosten auf. In die Gegenrichtung erreichte ich mein Büro im Wirtschaftsministerium an schönen Tagen ohne weiter entfernte Außentermine ebenfalls gerne per Rad.
Als ich nach einem selbstbewusst langen Klingeln die Haustüre öffnete, blickte ich in das strahlende, sympathische Gesicht einer ausgesprochen attraktiven Enddreißigerin. Ich hatte mir zwar auf der Homepage der Gates-Foundation gründlich die Ziele und Programme ergoogelt, es jedoch versäumt, nach Personen zu recherchieren. Das lag wohl auch daran, dass ich nicht die Erwartung hegte, eine Projekt-Managerin, und als solche hatte sie ihre Mails gezeichnet, aufzufinden. So kam es, dass ich gar keine Vorstellung von der Dame hatte, die mir in München gegenübertreten würde. In meinem Unterbewusstsein musste sich offenkundig ein Fehlschluss ereignet haben: Wer in den USA Deutsch studiert, nach Berlin zum Studium kommt und zurück in New York außerhalb der die