KAPITEL 2
Unter fernen Herren – Die Frühe Neuzeit
Invasion der Schneemänner.
Die habsburgischen Niederlande
Brüssel, im Januar 1511. Auf dem Coudenberg thront der Palast der Herzöge von Brabant, ein riesiger Gebäudekomplex, umgeben von den Herrenhäusern der Hochadeligen. Das ist das eine Machtzentrum. Das andere befindet sich in der Unterstadt amGrote Markt, später auchGrand-Place genannt: Es ist das Rathaus mit seinem eleganten spitzen Turm. Oben im Palast spricht man Französisch, unten in der Stadt Niederländisch.
Brüssel ist tief verschneit in diesem Winter. Alles wirkt fremd und verwandelt. Und dann geschieht etwas geradezu Märchenhaftes. Überall in der Stadt tauchen Schneemänner auf. Sie stehen auf dem Coudenberg, auf dem Grote Markt und im Hurenviertel an der Stadtmauer. An die 50 Schneemann-Gruppen mit insgesamt 110 Figuren bevölkern die Stadt. Einige bleiben mehr als drei Wochen lang stehen, denn es dauert bis zum 12. Februar, ehe Tauwetter einsetzt. Bis dahin gucken sich die Brüsseler die Augen aus dem Kopf – mehrfach wird in diesen Wochen über Arbeitsversäumnis geklagt. Ein Vorläufer des Manneken Pis aus Schnee pinkelt einem Mann in den geöffneten Mund. Ein Mann und eine Frau liegen in einem Springbrunnen, „al naect“ (ganz nackt), und betreiben in aller Öffentlichkeit die Liebe. Ebenfalls nackt sind Adam und Eva, die schöne Bathseba, die mitten in Eis und Schnee ein Bad nehmen will. In der Nähe des Brüsseler BeginenhofsDen Wijngaerd<