Burnout und chronischer beruflicher Stress
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Stefan Koch, Dirk Lehr, Andreas Hillert
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Burnout und chronischer beruflicher Stress
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Hogrefe Verlag GmbH& Co. KG
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9783840926501
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1
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CHF 15.20
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Psychologie
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German
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116
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Häufig beruflich überlastete Menschen fühlen sich ausgebrannt und suchen wegen Burnout psychotherapeutische Hilfe auf. Hierdurch hat die Bedeutung des Lebensbereichs Arbeit in der psychotherapeutischen Praxis deutlich zugenommen. Dieser Band zeigt Strategien auf, wie chronischer beruflicher Stress in der Therapie systematisch aufgegriffen und gezielt bearbeitet werden kann. Dazu werden bewährte berufsbezogene Interventionen anschaulich vorgestellt. In Kombination mit störungsspezifischen Behandlungsansätzen können auf diese Weise Patienten, die sich im Beruf ausgebrannt erleben, wirksam behandelt werden. Ausgehend von einem umfassenden Überblick über Einflussfaktoren auf chronischen beruflichen Stress wird die Durchführung einer individuellen Berufs- und Stressanamnese beschrieben. Hierauf aufbauend wird ein individuelles Stress-Erklärungs- und Veränderungsmodell erarbeitet, aus dem sich das weitere therapeutische Vorgehen ableitet. Je nach Ausgangslage stehen die Sensibilisierung für Signale der Überlastung, kognitive Verfahren zur Veränderung von Stressgedanken und perseverativem Denken, kompetenzorientierte Interventionen zur Stärkung beruflicher Bewältigungsfertigkeiten oder die Förderung der Regenerationsfähigkeit im Zentrum der berufsbezogenen Therapie. Der Umgang mit typischen Problemen, sozialtherapeutisches Basiswissen, Praxisbeispiele aus der Einzel- und Gruppentherapie und zahlreiche Arbeitsmaterialien bieten Unterstützung bei der Durchführung der berufsbezogenen Therapie.
1 Burnout: Hintergrund und Konzepte
(S. 2-3)
Die Begriffe Burnout und Stress werden oft zusammen gebraucht. Dabei wird implizit davon ausgegangen, dass andauernder Stress die Ursache für ein gesundheitliches Problem sei, was dann als Burnout bezeichnet wird. Beiden gemeinsam ist zudem, dass sie meist im Zusammenhang mit Arbeit und Beruf verwendet werden.
1.1 Bilder und Begriffe, die psychische Zustände begreifbar und kommunizierbar machen
Burnout, vom englischen „burn-out“ (ausbrennen) ist ein Beispiel dafür, dass von jeher prägnante, in der Alltagserfahrung verankerte Bilder dazu verwendet wurden, um psychische und psychosomatische Befindlichkeiten und die dafür vermuteten Ursachen zu beschreiben. Entsprechend fühlt man sich „niedergeschlagen“, „gedrückt“, „erschöpft“ (also: wie ein leergeschöpfter, kein Wasser mehr enthaltender Brunnen) oder aber „voller Energie“ oder „im Flow“. Schwer fassbare psychische Phänomene, von momentanen Stimmungslagen bis zu anhaltenden, das emotionale Erleben, Denken und Handeln krankheitswertig beeinträchtigenden Zuständen, werden so kommunizier- und „verstehbar“. Dieses pragmatische, letztlich alternativlose Vorgehen wird keineswegs nur von medizinisch-therapeutischen Laien praktiziert. Auch Experten können letztlich nicht anders, als die Komplexität neurophysiologischer, psychologischer und gesellschaftlicher Phänomene durch anschauliche Konzepte erforschbar und therapeutisch handhabbar zu machen. Dieses Vorgehen, mit dem zwangsläufig eine Relativierung und zuweilen Verzerrung komplexer Zusammenhänge einhergeht, ist der psychologisch-psychiatrischen Forschung immanent und prägte maßgeblich die Diskussion zum Thema Burnout. Wenn in diesem Buch der Begriff Burnout-Syndrom verwendet wird, dann folgt dies der aktuellen Sprachkonvention. Inhaltlich und methodisch zeichnet sich ein Syndrom durch eine spezifische Symptomatik aus. Eben diese ist beim Burnout-Syndrom nicht eindeutig definiert. Das Burnout-Syndrom spiegelt vielmehr primär das subjektive Erleben von Ausgebranntsein, ohne die damit verbundene Symptomatik zu spezifizieren.
Auch Fachbegriffe, zumal Diagnosen, wurden und werden vorzugsweise aus Begriffen der dinglichen Außenwelt abgeleitet: Depression (von lat. depressi: niederdrücken, versenken [Schiffe]; [mit Worten] herabsetzen, unterdrücken) beschreibt, dass die Stimmungslage und die Vitalität eines Menschen gebzw. unterdrückt sind. Melancholie verweist auf die Ursache eines im Begriff nur indirekt spezifizierten Phänomens: Es ist demnach zu viel „schwarze Galle“ im System und das Verhältnis der den Körper konstituierenden (vier) Säfte gestört, wobei die Farbe Schwarz auf gedrückt-negative Qualitäten verweisen mag. Wo Depression aufhört und Melancholie beginnt bzw. ob und inwieweit solche Begriffe synonym verwendet werden, war im Laufe der Psychiatriegeschichte Gegenstand von wechselnden Definitionen und Konventionen. Nachdem Nervenzellen bzw. das daraus bestehende Gehirn als Träger des menschlichen Denkens und Empfindens identifiziert wurde, konnten „Neurosen“ und im späteren 19. Jahrhundert die „Neurasthenie“ (die „Nervenschwäche“) als mit Leiden und dysfunktionaler Bewältigung einhergehende Zustandsbilder zu Fachbegriffen werden. Im Gegensatz zu diesen sich im Laufe der Zeit wandelnden Diagnosebegriffen ist Burnout ein vergleichsweise junges, auf einen „Entdecker“ zurückführbares und nicht ohne diesen Ursprung zu verstehendes Phänomen. Zentrales Merkmal des Burnout-Syndroms ist dabei der direkte Bezug auf die Ätiologie der Symptomatik (berufliche Überlastung als „Ursache“ der Symptomatik). Dies steht jedoch in Spannung zu einer klassifikatorischen Diagnostik (z.?B. ICD-10) und ihrem Bemühen, psychische Störungen möglichst unabhängig von ätiologischen Annahmen zu definieren.
1.2 Burnout: Entdeckung und Karriere eines Phänomens
Ähnlich den genannten Diagnosen bezeichnete auch das Burnout-Syndrom ursprünglich Aspekte der praktisch-dinglichen Welt: ausgebrannte Kerzen, Lampen, Kernbrennstäbe, Häuser oder auch Lepra-Patienten. „Wer je ein ausgebranntes Haus gesehen hat, der weiß, wie verheerend so etwas ist“, so brachte es Herbert Freudenberger (1974, S. 159) auf den Punkt. Zudem ist die Analogie von Brennen und Lebensenergie eine die Menschheitsgeschichte, wohl seit der praktischen Verwendung des Feuers, durchziehende Metapher: Liebe brennt, Helden brennen darauf, Taten zu vollbringen. Insofern verwundert es nicht, dass dem „Ausgebranntsein“ vergleichbare Phänomene in der Geschichte häufig sind, von der Bibel bis in die Literatur der Gegenwart.
Burnout und chronischer beruflicher Stress
1
Inhaltsverzeichnis
7
Vorwort
9
1Burnout: Hintergrund und Konzepte
11
1.1Bilder und Begriffe, die psychische Zustände begreifbar und kommunizierbar machen
11
1.2Burnout: Entdeckung und Karriere eines Phänomens
12
1.3Definitionsansätze
14
1.4Diagnostische Einordnung
17
1.5Differenzialdiagnostik und Komorbidität
19
1.6Epidemiologie
21
1.7Burnout: Ein subjektives Störungsmodell
22
1.8Psychische Störungen und beruflicher Stress
23
2Störungstheorien und -modelle
25
2.1Stressoren-Ansätze
26
2.2Modelle der Kontrolle über Arbeitsbedingungen
27
2.3Passungsmodelle
27
2.4Reziprozitäts- und Gerechtigkeitsmodelle
28
2.5Stresskognitionen und Bewältigungsverhalten
30
2.6Stress als Bedrohung des Selbstwerts
31
2.7Ressourcenorientierte Ansätze
31
2.8Erholung und Regeneration
33
2.9Ansätze des Übergangs und der Integration von Lebensbereichen
35
3Diagnostik und Indikation
37
3.1Individuelle Berufs- und Stressanamnese
38
3.2Einsatz von Fragebögen in der Stressanamnese
43
3.3Indikationsstellung für berufsbezogene Interventionen
46
4Behandlung
48
4.1Überblick über psychotherapeutisch fundierte Programme zur beruflichen Stressbewältigung
48
4.2Behandlungsprinzipien im Umgang mit beruflichen Problemlagen
49
4.3Motivation und Fokussierung
52
4.4Erklärungs- und Veränderungsmodell: Das „infernalische Quartett“
56
4.5Sensibilisierung für Signale der Überlastung (Entlastungsweg Achtsamkeit)
58
4.6Kognitive Interventionen (Entlastungsweg Denkbarkeit)
60
4.7Kompetenzorientierte Interventionen (Entlastungsweg „Möglichkeiten“)
66
4.8Förderung der Regenerationsfähigkeit (Entlastungsweg Erholung)
73
4.9Sozialtherapeutisches Basiswissen
82
4.10Umgang mit Schwierigkeiten in der Therapie
86
4.11Evidenz und Qualitätssicherung
90
5Fallbeispiel
95
6 Weiterfu?hrende Literatur
100
7Literatur
101
Anhang
107
Das infernalische Quartett der Stressentstehung
109
Die vier Entlastungswege
110
Der Stressbeschleuniger-Selbsttest
111
Der Stressbeschleuniger-Selbsttest – Auswertungsbogen
113
Die Plus-Minus-Null Regel
114
Recreation Experience and Activity Questionnaire (ReaQ)
115
Karten
117