Nordengland/Schottland
2013 – Reisetagebuch Melanie Arnold
Tag 5
Soeben haben wir Edinburgh Castle verlassen. Sonst ist es nicht sehr leicht, uns zu beeindrucken, aber dieses Schloss mit seiner Geschichte nötigte uns allen eine ganze Menge Respekt ab. Selten sind drei Stunden so schnell vergangen wie heute. Die Burg samt ihren Anlagen hat unglaublich viel zu erzählen. Das allerdings übernahm Sherry, eine äußerst coole und sehr amüsante Schottin, die zwei Semester in Deutschland, genauer in Heidelberg, studiert hat. Das Geld, das sie sich mit Führungen durch eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Schottlands verdient, spart sie für eine Reise nach Neuseeland. Sie will dort unter anderem auf einer Schaffarm arbeiten.
Oh ja, Schaf. Das bringt mich zum gestrigen Abend zurück. Diese Geschichte muss unbedingt für die Nachwelt aufgezeichnet werden. Als gegen acht Uhr abends die komplette Truppe zum Dinner antrat, ordentlich gestylt, um Marius nicht zu blamieren,erwartete uns in dem noblen, in dunklem Holz mit venezianisch rotem Teppichboden gehaltenen und mit zahllosen silbernen Kerzenleuchtern bestückten Restaurant des »George« eine, sagen wir mal, interessante Überraschung. Man hatte uns eine lange Tafel an der rechten Seite reserviert, elegant eingedeckt, mit Leinenservietten, gefaltet in Formen, die von uns wohl keiner jemals so hinbekommen hätte. Kaum waren wir einigermaßen damit fertig, uns zu orientieren – es soll Menschen geben, die ab drei unterschiedlichen Gabeln ein wenig den Überblick verlieren –, ließ Charles einen Begrüßungscocktail auffahren, der es in sich hatte. Heißer Whiskylikör mit flüssiger Sahne, Gewürzen und, wie es schmeckte, mit einem Tropfen Kaffee verfeinert. Im Anschluss wurde in der Mitte der Tafel ein ziemlich großer Platz freigeräumt und die Kerzen in den Kandelabern auf dem Tisch angezündet. Es sah verflixt eindrucksvoll und edel aus. Als wir irgendwo aus der Ferne einen Dudelsack hörten, dachten wir, es würde wohl in einem der Nebenräume ein Fest gefeiert. Weit gefehlt! Der Dudelsack war für uns und es war nicht nur einer, nein, das Licht wurde gedimmt, der ganze Raum war nur noch von Kerzen erleuchtet. Hintereinander kamen drei Highland Bagpipers in das Restaurant marschiert und spielten für uns ›Flowers of Edinburgh‹, ›Amazing Grace‹ und ›The Skye Boat Song‹. Wir markieren ansonsten immer gern die coole Truppe, aber gestern haben wir wohl alle kräftig geschluckt, um die Rührung wegzustecken, ganz zu schweigen von der Gänsehaut, die wir samt und sonders hatten.
Etwa bei der Hälfte von ›Amazing Grace‹ ging die Tür zur Küche auf und zwei Köche brachten eine silberne Platte herein, auf der eine ebenso silberne Haube thronte, und stellten sie auf dem freien Platz auf unserer Tafel ab. Die beiden Jungs warteten, bis die Bagpipers fertig gespielt hatten. Die Musiker verneigten sich in unsere Richtung und, sehr zu unserem Amüsement, in Richtung der Silberplatte – sehr seltsam.
Wir applaudierten leise schniefend und einige wischten sich verstohlen ein Tränch