Das blasse, abgespannte Gesicht mit den müden, traurig blickenden blauen Augen, das Diane Danson aus dem Spiegel ihrer Frisierkommode entgegensah, hätte auch einer Fremden gehören können. Die ständige unerklärliche innere Unruhe sowie die unbestimmte Vorahnung drohenden Unglücks, die sie seit einiger Zeit quälten, forderten unübersehbar ihren Tribut.
Ihr sanftes Lächeln und das Strahlen ihrer Augen zeigten sich immer seltener. Stattdessen schien sie zumeist besorgt und in sich zurückgezogen, als fürchte sie sich vor etwas. Doch wie konnte man sich vor etwas fürchten, dem man keinen Namen geben konnte?
Diane schob eine ihrer langen, dunkelblonden Strähnen hinter das Ohr und betrachtete dieses erbärmliche Wesen im Spiegel forschend. So sehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr nicht zu sagen, was es war, das sie so mitnahm.
Nun ja, sie arbeitete viel, doch nicht mehr als gewöhnlich. Ihre Ausflüge ins Nachtleben waren nicht erwähnenswert. Gelegentlich ging sie mit Freunden ins Kino oder essen, doch das hatte Seltenheitswert. Gerade in letzter Zeit.
Und gewiss zählte sie nicht zu den Frauen, die sich auf ein schnelles Abenteuer einließen. Also verbrachte sie ihre Nächte auch nicht mit zügelloser Leidenschaft. So bedauerlich das auch sein mochte. Was genau raubte ihr dann die Seelenruhe?
Mit gleichmäßigen Zügen bürstete sie ihr Haar und dachte darüber nach, kam jedoch auch jetzt zu keiner Erkenntnis.
Nachdem ihr Haar ordentlich geflochten und ihr Gesicht eingecremt war, erhob sie sich und ging zu ihrem Bett hinüber.
Wie an jedem Abend schlug Diane die Decken zurück, schüttelte die Kissen auf und setzte sich auf die Bettkante, um einen Augenblick das Gemälde über ihrem Bett zu bewundern. Es zeigte einen See an einem schönen Herbsttag. Die Bäume, die das andere Ufer säumten, zeigten sich so farbenprächtig, wie man es von einer Landschaft in Neuengland um diese Jahreszeit erwartete. Sie schimmerten in reichen Gelb-, Orange-, Braun- und Rottönen. Der See lag vollkommen ruhig da. Ein kleiner, von Schilf umgebener Steg ragte ein Stück in das Gewässer hinein. Über der Szenerie hing ein Himmel von sanftem Blau mit einigen kleinen weißen Wolken.
Von dieser Idylle ging eine beruhigende Wirkung aus, der sich Diane von jeher nicht hatte entziehen können. Die Erinnerung an den Tag, an dem sie es auf Tante Adeles Dachboden entdeckt hatte, zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen. Sie waren dort hinaufgestiegen, um zu sehen, ob sich nicht etwas finden ließe, das man der Wohlfahrt spenden konnte. Stattdessen hatte die kleine Diane das Gemälde völlig verstaubt und mit ramponiertem Rahmen in einer Ecke entdeckt. Tante Adele schien seinem Zauber gegenüber nicht minder erlegen zu sein, denn zunächst betrachtete sie es sehr lange, bevor sie ihrer Großnichte versprach, es aufarbeiten zu lassen. Tatsächlich überreichte die alte Dame dem Mädchen das Bild in einem restaurierten Rahmen zum nächsten Geburtstag.
Damals wie heute erschien es Diane als das höchste Glück, nur ein einziges Mal am Ufer dieses malerischen Sees spazieren zu gehen. Die Erfüllung dieses Wunsches lag außerhalb Tante Adeles Möglichkeiten, doch in Dianes Träumen sei alles möglich, lautete der weise Rat der alten Dame.
Nach einem letzten sehnsüchtigen Blick kroch Diane unter die Decken und schaltete das Licht aus.
Es war Mitte März und noch recht kühl. Immer wieder tobten Frühlingsstürme. So konnte sie auch jetzt den Wind heulen hören. Schaudernd zog sie die Decken bis unter das Kinn. Zwar zeigte der Radiowecker auf dem Nachttisch erst kurz nach zweiundzwanzig Uhr an, doch konnte sie ihre Augen nicht länger offenhalten. So ging das nun schon seit Wochen. Wie auch schon seit Wochen, dauerte es nicht lange, bis sie träumte.
Die junge Frau stand in einem gepflegten, weitläufigen Garten. Es war früher Abend, der große Sonnenball sank langsam dem Horizont zu. Er war bereits zur Hälfte hinter den Wipfeln der alten Eichen verschwunden. Damit erzeugte er eine Farbenpracht und ein Lichterspiel, die sie immer wieder aufs Neue faszinierten.
Hoch über ihr in den Bäumen zwitscherten die Vögel noch immer munter ihr Lied. Der sanfte Abendwind umspielte die Frau. Diese legte