Prolog
An dem Abend, an dem die Frau geboren wurde, die von ihrem Volk sowohl bewundert als auch gehasst, von Propheten bekämpft und in den Schriften verachtet wurde und die ihrem Land eine letzte, kurze Blüte inmitten des Zerfalls bescherte, empfing König Herodes eine für ihn wichtige und höchst erfreuliche Botschaft.
»Die Kinder sind tot.«
»Alle?«
Der Offizier zögerte einen Moment, die Antwort kam ihm nur schwer über die Lippen. Doch ein Blick seines Königs ließ ihn die Sprache schnell wiederfinden. Er schluckte. »Alle.«
Stille breitete sich im Großen Saal der Festung Masada aus. Niemand von der königlichen Familie rührte sich. Nur das Licht der Fackeln zuckte, von den Wänden reflektiert, im Raum umher.
Herodes legte den Kopf in den Nacken, als versuche er, Widerspruch und Verrat im Raum zu wittern. »Schön«, sagte er schließlich. »Gut gemacht. Damit ist die Gefahr gebannt, die von dem unbekannten Säugling ausging.«
»Ja, mein König«, bestätigte der Offizier zähneknirschend. »DerMessias ist tot.«
Herodes drückte seinen wuchtigen Körper ruckartig aus dem Thronschemel hoch. »Der Feind der Königreiche ist tot«, brüllte er den Mann vor ihm an. »Niemand hat von einem Erlöser gesprochen, vomMessias. Die Prophezeiung meines Sternendeuters besagte, dass …«
Herodes keuchte. Er griff sich an den massigen Unterleib und an die Brust, dann setzte er sich wieder und schickte den Offizier aus dem Raum. »Heute«, fuhr er leiser fort, »ist ein Feind des Königreiches geboren worden, und zwar irgendwo auf dem Weg des wandernden Sternes, den wir seit einigen Tagen auf der Strecke zwischen Masada und Bethlehem am Himmel sehen. Deshalb mussten alle Säuglinge auf dieser Strecke sterben.«
Archelaos, Herodes’ ältester Sohn, beobachtete, dass niemand Anzeichen von Entsetzen oder Traurigkeit über diese grauenhafte Nachricht vom vielfachen Kindesmord zeigte. Er war mit den Gewohnheiten an diesem Hof und im Umgang mit seinem Vater Herodes nicht vertraut, da er erst vor wenigen Tagen hierher zurückgekehrt war, nachdem er neun Jahre in Rom erzogen worden war. Dort herrschten Recht und Ordnung. Kaiser Augustus regierte das Imperium mit strenger Hand, aber umsichtig. Was für ein Gegensatz war dazu Judäa: Ein Massenmord an Säuglingen! Archelaos war der Schreck ins Gesicht geschrieben. Mit seinen dürren, zittrigen Fingern hob er den Weinkelch zum Mund und trank hastig.
»Was schaust du so dämlich?«, fragte Herodes. »Hat man dich in Rom verhätschelt? Oder passt dir irgendetwas nicht?«
Archelaos bemerkte, dass sein Vater ihn argwöhnisch beäugte. Es war gefährlich, das Misstrauen des Königs zu erregen. Archelaos’ ältere Brüder waren schon vor Jahren wegen nie bewiesener Gerüchte über Verschwörungen hingerichtet worden, und er selbst könnte leicht der Nächste sein, denn er hatte noch drei jüngere Brüder, die bereitstanden, seinen Platz als Nachfolger auf dem Thron des Heiligen Landes ei