Kapitel 1
In Luca Winklers Augen trug die Sonne über Howth am heutigen Samstag ihr schönstes Gewand. In einen goldenen Schimmer gehüllt, der sogar den wenigen am Himmel stehenden Wolken einen magischen Schein verlieh, wachte sie wie eine flirrende Schutzpatronin über Klippen und Meer.
Obwohl es nur wenige Monate her war, dass sie Katherine Madigan besucht hatte, wurde Luca bei diesem Anblick klar, wie sehr sie das irische Küstendorf vermisst hatte. Das Plätschern der Wellen an den Hafenmauern, den alten Leuchtturm am Ende des Piers, den Anblick der vielen, in sanfter Brise schaukelnden Boote, den aus den Pubs und Restaurants strömenden Geruch nach gebratenen Meeresfrüchten und anderen Delikatessen, den Geschmack von Salz und Freiheit auf ihren Lippen …
Und natürlich ihre beste Freundin, die in diesem Moment auf das Bahnhofsgebäude zugeeilt kam, vor dem Luca mit ihrem roten Rollkoffer stand und das rege Treiben auf der Promenade beobachtete.
»Lu! Entschuldige die Verspätung!«
Atemlos und strahlend zugleich kam Katherine vor ihr zum Stehen und schloss sie sogleich in eine feste Umarmung. Der vertraute blumige Duft und das Kitzeln der üppigen braunen Haarpracht an ihrer Wange entlockten Luca ein fröhliches Glucksen.
»Es ist so schön, dich zu sehen«, murmelte sie ihrer Freundin in die Flechtfrisur, noch ehe sie sich voneinander lösten und einander voller Zuneigung betrachteten.
Katherine wirkte so ausgeglichen und glücklich, dass Luca beinahe das Herz überquoll. Außerdem sah sie einfach hinreißend aus: Eine tiefe Bräune überzog ihre Haut und ließ ihre grünen Augen funkeln wie Amethyste. Die sonst eher braunen Haare waren von Sonne und Meer deutlich aufgehellt worden.
Sie war schon immer schön gewesen, dachte Luca, doch seit ihre Freundin in Howth lebte, besaß ihr Gesicht eine ganz neue, fast überwältigende Vollkommenheit.
Katherine seufzte. »Ich freue mich so, dass du hier bist. Komm, gehen wir. Doran und Ivy haben gebacken. Nusskuchen. Sie meinten, du hättest ihnen bei deinem ersten Besuch im letzten Jahr gesagt, dass du den am liebsten isst. Und ich dachte immer, du würdest Kirsche lieber mögen. Schande über mich.«
Luca spürte, wie sich ihre Wangen vor Rührung röteten. »Was? Extra für mich? Gott, die zwei sind einfach zu lieb.«
Sie hatte die älteren Herrschaften bei ihrem ersten Besuch im Fischerdorf sofort lieb gewonnen. Vor allem Doran Donnelly, zu dem Katherine ein inniges freundschaftliches Verhältnis pflegte, war ihr damals nach nur wenigen gemeinsamen Stunden ans Herz gewachsen. Mit seiner edlen Kleidung, den Hüten und dem Spazierstock wirkte der alte Mann stets, als wäre er aus der Zeit gefallen. Luca mochte seinen eigenwilligen Stil ebenso wie seine aufmerksame, offene Art. Doch auch Ivy, die mit ihrer besten Freundin Brianna und deren Nichte Sophie eine örtliche Boutique besaß, war ihr positiv in Erinnerung geblieben. Immer schwer mit Schmuck behangen und vom Scheitel bis zur Sohle herausgeputzt, besaß auch sie eine liebenswerte Eigenwilligkeit.
»Sind sie«, stimmte Katherine zu, »aber der Rest freut sich genauso auf dich. Roxanne ist schon seit Tagen ganz hibbelig. Und Terry möchte dich unbedingt beim nächsten Spoil-Five-Turnier dabeihaben. Nur dass du vorgewarnt bist.« Grinsend schnappte sie sich den Griff des Rollkoffers und schlug den Weg in Richtung Ortszentrum ein.
»Hey«, protestierte Luca, »du bist doch nicht mein Packesel.«
»Aber deine Trauzeugin. Und somit dafür verantwortlich, dass es dir gut geht. Eine entspannte Braut ist eine glückliche Braut. Daran erinnert Doran mich schon, seit du die Einladungen verschickt hast. Er denkt wohl, ich nehme meinen Job nicht richtig ernst.«
Trauzeugin. Braut.
Bis zur Hochzeit waren es nunmehr zwei Wochen – dreizehn Tage, um genau zu sein –, und doch konnte Luca immer noch nicht recht glauben, dass sie und Adrian sich in Kürze tatsächlich das Jawort geben würden. Seit sechs Jahren gingen sie nun schon gemeinsam durchs Leben – mit einundzwanzig Jahren hatten sie einander in einem Münchner Nachtclub kennengelernt. Adrian war der