: Miriam Rademacher
: Banshee Livie (Band 2): Weltrettung für Fortgeschrittene
: Sternensand Verlag
: 9783906829685
: 1
: CHF 6.20
:
: Fantasy
: German
: 370
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kaum hat Livie sich mit ihrem Tod arrangiert und in ihrem Job als Banshee eingefunden, gerät alles um sie herum wieder aus den Fugen. Eine tödliche Gefahr bedroht nicht nur ihre Freunde, sondern die ganze Welt. Und so stürzt sich Livie in ihr nächstes Abenteuer und stellt sich mutig ihrem gefährlichen Gegner. Doch diesmal hat sie sich mit der Zeit selbst angelegt und die lässt nicht mit sich handeln ...

Miriam Rademacher, Jahrgang 1973, wuchs auf einem kleinen Barockschloss im Emsland auf und begann früh mit dem Schrei-ben. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Osnabrück, wo sie an ihren Büchern arbeitet und Tanz unterrichtet. Sie mag Regen, wenn es nach Herbst riecht, es früh dunkel wird und die Printen beim Lesen wieder schmecken. In den letzten Jahren hat sie zahlreiche Kurzgeschichten, Fantasyromane, Krimis, Jugendbücher und ein Bilderbuch für Kinder veröffentlicht.

Kapitel 1


 

Mit einem breiten Lächeln stand ich auf den Zinnen von Schloss Harrowmore und blickte hinunter in die üppigen Gärten. Es war Mai und die Sonne strahlte vom blauen Himmel auf blühende Beete hinab. Sie ließ das Wasser kleiner Teiche kristallen glitzern und spiegelte sich in den Scheiben der Gewächshäuser. In der Ferne erhoben sich sanfte Hügel mit altem Baumbestand, unter dessen starken Ästen der Twinklebach lustig seines Weges plätscherte. Sogar hier oben roch es schwach nach Gänseblümchen und trockenem Gras.

Schloss Harrowmore selbst, ein riesiger Klotz, der die Baustile aller Epochen in sich vereinte, erhob sich in der Mitte dieses verwunschenen Tales in seiner ganzen protzigen Pracht.

Und all das war mein. An Tagen wie diesen, an denen ich mir der Schönheit dieses Erdfleckchens bewusst wurde, war ich wahnsinnig glücklich darüber, hier sein zu dürfen, und sehr stolz auf den ganzen Besitz.

Plötzlich fiel mir eine Szene aus einem meiner Lieblingsfilme zu meinen Lebzeiten ein und ich trat ganz nah an die von Wind und Wetter gefurchten grauen Zinnen, reckte das Gesicht der Sonne entgegen, riss die Arme empor und rief: »Ich bin der König der Welt!«

Einen Augenblick lang verharrte ich in dieser unvergleichlichen Pose und fühlte mich großartig. Bis ich hinter mir ein gekünsteltes Hüsteln vernahm. Augenblicklich ließ ich die Arme sinken und fuhr herum.

Eine tiefe Röte schoss mir in die Wangen. Verdammt. Nicht einmal der eigene Tod machte diesem albernen Erröten ein Ende. Wie war das möglich? Zweifellos ein Fall für die Wissenschaft.

»Banshee, Livie. Du bist nur die Banshee von Schloss Harrowmore und ganz gewiss kein König, tut mir leid.«

Der Wind spielte mit dem Stoff der rotbraunen Mönchskutte, die die große Gestalt vor mir komplett verhüllte. Eine Kapuze verbarg das Gesicht. Es war Walt, der Todesbote der Familie Harrowmore und somit mein Mentor, Vertrauter und seit Kurzem auch mehr als das. Ja, alles, was unter der Kutte steckte, gehörte ebenfalls mir.

Da Walts Tage als lebendiger Mensch schon viele Jahrhunderte zurücklagen, ging ich nicht davon aus, dass er jemals den FilmTitanic gesehen hatte. Mit anderen Worten: Er hielt mich gerade vermutlich für komplett durchgeknallt. Es erschien mir richtig, die Situation zu erklären.

»Ich weiß das, Walt. Ich bin die Banshee, du bist der Todesbote, und somit sind wir nur zwei popelige Geistwesen, die für das Wohl der Familie Harrowmore Sorge zu tragen haben. Ich bin nicht plötzlich schwachsinnig geworden, ich bin nur glücklich.«

Die Kutte trat ganz nah an mich heran, hob die Hand mit den schlanken Fingern und strich mir zärtlich das Haar zurück. »Ich bin froh, dass du den Trubel der Londoner Straßen in deinem neuen Dasein nicht zu vermissen scheinst. Manch anderer wäre es schwergefallen, sich hier in diese beschauliche ländliche Ruhe einzufinden.«

»Ich habe doch dich«, antwortete ich und schmiegte meine Wange in seine Hand. »Dich und die Familie Harrowmore. Was brauche ich mehr?«

Walt