: Miriam Rademacher
: Banshee Livie (Band 1): Dämonenjagd für Anfänger
: Sternensand Verlag
: 9783906829548
: Banshee Livie
: 1
: CHF 6.20
:
: Fantasy
: German
: 370
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
So hat sich Livie ihren Tod nicht vorgestellt. Sie bekommt einen Job, der aus Heulen und Scharade besteht, einen altklugen Kollegen mit sexy Stimme, aber ohne Gesicht, und eine staubige Dachkammer ohne Internetanschluss. Livie ist jetzt die Banshee von Schloss Harrowmore und hat in ihrer Rolle als Schutzgeist die Aufsichtspflicht über eine der tollpatschigsten Familien Englands. Als dann auch noch ein nachtragender Dämon auftaucht, um eine uralte Rechnung zu begleichen, ist Livies Tod endgültig aufregender, als es ihr Leben jemals war.

Miriam Rademacher, Jahrgang 1973, wuchs auf einem kleinen Barockschloss im Emsland auf und begann früh mit dem Schreiben. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Osnabrück, wo sie an ihren Büchern arbeitet und Tanz unterrichtet. Sie mag Regen, wenn es nach Herbst riecht, es früh dunkel wird und die Printen beim Lesen wieder schmecken. In den letzten Jahren hat sie zahlreiche Kurzgeschichten, Fantasy-Romane, Krimis und ein Kinderbilderbuch veröffentlicht.

Kapitel 1


 

England, an einem Herbsttag im Jahre 2017

 

Nun komm schon, Livie! Wir sind gleich da!«

Ich konnte nur stumm nicken. Seit Stunden folgte ich meiner Tante Ethel über morastige Wirtschaftswege immer tiefer ins urwüchsige Großbritannien. In den Teil des Landes, wo Straßen kaum so breit wie ein einzelner Wagen waren und wo sich hinter niedrigen Mauern aus Feldsteinen die Natur in variantenreichem, aber langweiligem Grün präsentierte. In jenen Teil des Landes, wo die meisten Einwohner vier statt zwei Beine hatten.

Wieder einmal.

Seit nunmehr acht Jahren ließ ich mich von Tante Ethel während unseres gemeinsamen Herbsturlaubs zu den ›echten Spukorten‹ unseres Landes verschleppen. Wir hatten schon die ›Mühle von Willington‹ besucht, ohne Opfer einer Poltergeistattacke zu werden, hatten am ›Silent Pool‹ in Surrey gestanden, wo Prinz Johann zwei unschuldige Kinder getötet hatte, und waren über die Ruine des ›Borley Anwesens‹, des gespenstischsten Platzes Englands, getrampelt.

An all diesen Orten erlebte ich nun schon seit Jahren exakt das Gleiche: Tante Ethel rannte wie ein aufgescheuchtes Huhn in der Gegend herum und atmete ›magische Kräfte‹, und ich stand wie eine Idiotin daneben und sehnte mich nach ›fish and chips‹.

Niemals, wirklich niemals war ich an einem dieser verfluchten Plätze einem Gespenst begegnet. Tante Ethel natürlich auch nicht, aber hinterher schwor sie stets Stein und Bein, dass sie die Magie dieser Orte gespürt, aufgesogen und verinnerlicht hatte. Es war nicht immer leicht mit Tante Ethel.

Dieses Mal hatte es uns beide in ein winziges Kaff nahe der schottischen Grenze verschlagen. Natürlich hatte Tante Ethel die Reiseroute festgelegt und mich wie jedes Jahr vor vollendete Tatsachen gestellt. Sie hatte mich einfach während der Arbeitszeit in meinem Büro angerufen, weil sie ganz genau wusste, dass ich dort weder Zeit noch Ruhe hatte, um größere Einwände zu erheben.

Seit zwei Jahren arbeitete ich für dieselbe Futtermittelfabrik. Es war ein freudloser Job zwischen Aktenordnern und Telefon, der mich nicht ausfüllte. Den Wechsel der Jahreszeiten konnte ich daran festmachen, mit welchem Rohstoff mir die Aussicht zugeschüttet wurde, da die Lieferanten sich einen Spaß daraus machten, die noch feuchte Ernte direkt vor meiner einzigen Lichtquelle zum Trocknen aufzuhäufen.

Mais hatte verhindert, dass ich mein Büro lüften konnte, als Tante Ethel mir am Telefon von einer Druideneiche erzählt hatte. Das Geheimnis habe sie einem Besoffenen in einem Londoner Pub entlockt.

Einer was bitte? Aber gut, liefen wir eben ein bisschen durch die schottische Landschaft. Frische Luft und Bewegung konnten meiner Figur und meinem Teint nur guttun und schließlich ging es hier ja nicht nur um mich. Die Hauptsache war es doch, Tante Ethel vor Glück strahlend erleben zu dürfen.

»Oh Livie, sieh nur! Das da vorn muss sie sein!«

Olivia heiße ich. Doch das hatte Tante Ethel noch nie wirklich interessiert. Seit meinem fünfzehnten Geburtstag vor vier Jahren versuchte ich, ihr klarzumachen, dass ich mich den freundlich gemeinten Verstümmelungen meines Vornamens entwachsen fühlte. Bisher jedoch ohne nennenswerten Erfolg.

Tante