: Annette van den Bergh
: Lost Paradise Short Stories
: Books on Demand
: 9783756868384
: 1
: CHF 3.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 116
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
""Eine fehlt noch?" Das habe ich mich anschließend selbst gefragt und dann an den Traum gedacht, der mit bleiernen Schwingen meinen heutigen Tag zu einem besonderen macht, einem ungewollten, einem abzuschüttelnden, einem bohrenden, quälenden, ja, Herrgott, zum Teufel mit dieser Geschichte, die mir im neuen Kurzgeschichten-Buch tatsächlich noch fehlt und die ich - das zu denken weigere ich mich mit jeder Faser meines Seins - heute Nacht ärgerlicherweise geträumt zu haben scheine." 6 der 8 Short-Storys sind von Werk oder Texten bildender Künstler inspiriert, unter anderen von Paul Klee, Edvard Munch, Jonas Burgert, Marc Chagall. So ließ sich das literarische Spiel, mit Fantasien und surrealen Momenten, intensivieren. Um was es geht? Natürlich um Sehnsucht, um das Ich und das Du, um Fantasie versus Wirklichkeit, um Wirklichkeit versus Kunst, die Wahrheit und die Lüge und all sowas eben, weswegen wir schreiben, malen, musizieren und schmachten!

Annette van den Bergh ist freie Autorin und Bloggerin aus Berlin. Studium der neueren deutschen Literaturwissenschaft und Philosophie. Tätigkeiten als freie Kulturjournalistin und Coach sowie Kommunikationsberaterin von Kunstschaffenden.

Punkt am Horizont


Ich saß im „Lost Paradise“. Es war nach 22 Uhr, also die Zeit, in der die Männer nach Frauen und die Frauen nach Männern Ausschau halten. Ich schaute in meinen Wodka-Martini. Auf dem Grund des Glases sah ich ein großes, rundes Auge. Es zwinkerte mir zu.

„Ich bin blau“, dachte ich.

Panthergleich hatte sich ein Mann zu mir geschlichen. Er stellte ein weiteres Glas Wodka-Martini mit Fähnchen vor mich hin, setzte sein Hai-Lächeln auf und sprach, wie ein Kater um diese Uhrzeit so spricht: Blablabla.

Nächte sind lang, nur eins macht uns bang, bleibe ich alleine oder nicht?

Also ließ ich ihn reden, reden, reden von weiß ich was. Es war nach 22 Uhr, die Zeit, in der es langsam Zeit wird und ein Lächeln genügt da fast immer. Der Rest ist egal. Die Männer reden, die Frauen lächeln. So will es das Gesetz. Der Mann mit dem Hai-Gebiss redete frontal in mein Gesicht hinein. Zuhören war völlig Banane.

"Windschnittig den Kanal entlang flutscht immer"! Ein Flüstern in meinem Ohr. Deine Stimme. Hell und blechern. An meiner linken Seite. So klingt kein Engel. So klingt kein Teufel. So klingelingst nur Du. Streichholzarme umfassen meine Schultern. Ich zucke ein"ich kenne Sie nicht". Ich drehe mich ruckartig um und ich blicke dabei: In die größten Augen der Welt. Diese Augen sind von einem Blau, dessen tiefe Dunkelheit den Grund des tiefsten Meeres gesehen haben müssen. Drumherum schwarze Wimpern. Riesen-Augen, Kraken-Augen, Seelen-Fenster - undurchdringlich in ihrem einladenden Strahlen.

"Du erkennst mich", flüsterst du nun beschwörend in meinem Nacken. Dabei steht der andere Er vor mir und redet weiter auf mich ein. Windschnittig den Kanal entlang redet er und will mich mit sich zieh