: Antje Wagner
: Vakuum Meide den Nebel
: Ulrike Helmer Verlag
: 9783897419179
: 1
: CHF 13.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 340
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
tillstand. Am 17. August um 15:07 passiert eine unvorstellbare Katastrophe: Alle Menschen verschwinden, die Uhren bleiben stehen und eine beklemmende Stille senkt sich über die Welt. Nur Kora, Hannes, Tamara, Alissa und Leon sind noch da. Warum ausgerechnet sie? Und was ist überhaupt geschehen? Während sie gemeinsam durch verlassene Städte ziehen, um Antworten zu finden, steigt ein unheimlicher Nebel empor ...

ANTJE WAGNER wurde 1974 in Wittenberg geboren, ist bekannt für spannungsvolle Romane und Erzählungen für Jugendliche (»Hyde«, »Der Schein«, gemeinsam mit Tania Witte, unter dem Pseudonym Ella Blix). Nach einem Studium der deutschen und amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaften in Potsdam und Manchester leitete sie von 2012 bis 2014 das renommierte Schreibzimmer »Prosa« am Literaturhaus Frankfurt. Wagner erhielt zahlreiche Literaturpreise, u. a. den Phantastikpreis der Stadt Wetzlar 2019.

 

KORA

Donnerstag, 15. August, Schwäbisch Gmünd

Die Sirene heulte los.

Kora war noch nicht fertig. Nur noch fünf Bahnen. Höchstens sechs. Sie stand auf der Leiter, die Arme hoch über dem Kopf, die Malerrolle in den Händen. Sie hasste die Sirene, obwohl ihr Signal die Pausen ankündigte. Aber jedes Mal zuckte sie zusammen und fürchtete einen Moment lang, irgendwo wäre ein Feuer ausgebrochen.

Kaum war die Sirene verstummt, heulte sie erneut los. Einmal hätte auch gereicht, dachte Kora. Die Sirene war so laut, dass garantiert auch die Toten in der Erde sie noch hörten. Sie war im Glockenturm angebracht. Direkt über der Glocke. Die Glocke selbst hatte sie noch nie gehört.

Die Sirene ging das dritte und letzte Mal los. Kora arbeitete stoisch weiter. Sie hasste es, mittendrin abzubrechen. Hasste es. Da sie mit der Leiter am Fenster stand, konnte sie sehen, wie jetzt die Frauen aus den Gebäuden kamen, aus der Waschküche, der Schneiderei, dem Mutter-Kind-Trakt im ehemaligen Beichthaus, und wie sie durch den strömenden Regen über den Hof zur Kantine liefen. Sie liefen schnell und zogen sich im Gehen Tüten und Kapuzen über die Köpfe.

Als die Sirene endlich verebbte, hörte Kora ein Räuspern hinter sich. Unwillkürlich spannten sich ihre Muskeln an. Sie konnte sich auf der Leiter nicht umdrehen.

»Keinen Hunger?«

Sie erkannte die Stimme und entspannte sich wieder. Hebrecht. Ihr Ausbilder. Sie lernte hier Malerin und Lackiererin. Zusammen mit drei anderen Mädchen, die aber gerade mit Lehmann den Gang im Mutter-Kind-Trakt strichen.

»Ich seh schon«, sagte Hebrecht, »du willst noch die Decke zu Ende machen.«

»Hm«, machte Kora nur und tauchte die Rolle wieder in den Eimer. Hebrecht war in Ordnung. Jeder andere würde darauf bestehen, dass die Arbeitsmaterialien Punkt zwölf Uhr hingelegt wurden. Abmarsch in die Kantine. Vorschrift. Keine weitere Diskussion. Hebrecht war anders. Sie hörte, wie er den Raum verließ und im Nebenraum etwas hin und her schob.

Kora strich die Rolle am Sieb ab, während sie wieder kurz aus dem Fenster sah. Die Türen und Tore der umliegenden Wirtschaftsgebäude spuckten keine Frauen mehr aus. Sie hob die Arme erneut weit über den Kopf. Setzte die Rolle an der Decke an. Ein dicker weißer Streifen folgte der Rolle. Er überdeckte das schmutzige Grau. Überdeckte Risse, Löcher und Spinnendreck, den ganzen alten Scheiß, dachte sie und presste die Lippen zusammen, als etwas Farbe auf ihre Stirn klatschte. Nach fünf Bahnen war die Decke makellos weiß. Kora stieg von der Leiter, wickelte die Rolle in eine Plastiktüte ein, damit sie während der Pause nicht hart wurde, und ging in den Nebenraum, wo Hebrecht immer noch Löcher in der Wand zuspachtelte.

»Bin ferti