Kapitel 1
Mittwoch, 19. Juni, Diplomatenviertel, 0:30 Uhr
Als der Notarzt Thomas Wacker in der Günther-Groenhoff-Straße eintraf, entdeckte er einen Krankenwagen, der am Ende der Einbahnstraße die Fahrbahn versperrte. Wacker war vor 20 Minuten zum Einsatzort gerufen worden. Seine Kollegen konnten nicht lange vor ihm dagewesen sein. Wacker parkte sein Fahrzeug direkt hinter dem Krankenwagen, dessen Türen offenstanden. Er stellte den Motor ab und stieg aus. Von den Kollegen und vor allem von dem verletzten Fahrradfahrer, der verunglückt war, fehlte jede Spur. Das Fahrrad des angeblichen Opfers war nirgends zu sehen. Er blickte ins Innere des Einsatzfahrzeugs, die Trage befand sich darin. Er ging um den Wagen herum. Vielleicht hatte sich der Unfall vorn abgespielt?
Die enge Anliegerstraße grenzte an die Frauenlobstraße. An der Gabelung war ebenfalls nichts Auffälliges zu erkennen. Kein Mensch weit und breit. Nichts deutete auf einen Unfall hin. Thomas Wacker drehte sich um die eigene Achse. Das war unheimlich. Waren sie in die falsche Straße geschickt worden? Wenn ja, wo waren dann seine Kollegen? Und wieso waren die Türen des Krankenwagens geöffnet worden? Gerade wollte er in der Zentrale nachfragen, da hörte er den Schrei: »Hilfe!«
Er blieb wie angewurzelt stehen. Ein weiterer Hilferuf. Hastig überquerte Wacker die Frauenlobstraße, den Rufen folgend, lief zum Eckhaus, das von einer roten Sandsteinmauer umgeben war und an die Ginnheimer Landstraße grenzte.
»Hilfe!«
Eine Frauenstimme. Die Sanitäterin? Er beschleunigte seine Schritte, an der Mauer entlang, die Ginnheimer Landstraße aufwärts. »Ich komme!«, rief er, als er am Ende des ummauerten Eckgrundstücks angelangt war. Ein düsterer Weg mündete in den kleinen, ebenfalls unbeleuchteten Park. Er kannte den Ausläufer des Grüneburgparks, war mehrfach mit seinem Lebensgefährten Martin dort gewesen. Linker Hand ein Hügel mit Baumgruppe, rechts dichtes Gebüsch. Er durchquerte das Gatter, das verhinderte, dass Fahrzeuge in den Park einfuhren, konnte jedoch kaum etwas sehen.
»Wo sind Sie?«, rief er.
»Helfen Sie mir bitte!«
Wacker versuchte, sich im Dunkeln zu orientieren, während er in der Gesäßtasche nach seinem Handy suchte, um dessen Taschenlampenfunktion zu aktivieren. Da verspürte er einen schmerzhaften Stich zwischen den Schulterblättern. Er stöhnte auf und fiel keuchend bäuchlings zu Boden.
*
Diplomatenviertel, 5:36 Uhr
Der kleine Park war mit Absperrbändern versehen, Polizei und Spurensicherung waren vor Ort. Um den Toten vor den neugierigen Blicken der Schaulustigen zu verbergen, war ein weißes Zelt über dem Leichnam aufgebaut. Spurenkarten markierten Blut- und Fußspuren.
Am frühen Morgen war eine Hundehalterin auf den Mann aufmerksam geworden, der blutüberströmt bäuchli