Jasmin und der Pakt mit dem Teufel
von Andrea Nagele
In der Frauenkirche von Pernegg gab es an einer der Wände eine zugespachtelte Stelle, deren Kontur an eine Tür erinnerte. Als man nachforschte, fand man tatsächlich dahinter einen Ausgang, der zugemauert worden war.
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Ich war noch nie in meinem ganzen Leben so richtig verliebt gewesen.
Klar, ich war schon oft verknallt gewesen. In der Hauptschule konnte ich mich vor Verehrern kaum retten. Sehr zum Ärgernis meiner besten Freundinnen. Denn kaum hatte eine von ihnen sich in einen der Buben verschaut, bekam ich von demjenigen kleine Briefchen zugesteckt. In denen Unterschiedliches stand, zum Beispiel: »Kommst du nach dem Unterricht zum Apfelbaum auf der großen Wiese?« oder »Lust auf ein Zitroneneis? Ich zahle.« Oder zur Belustigung aller: »Am Abend um 19 Uhr vor dem Kino. Es läuft ›Bergkristall‹.«
Was haben wir gelacht und die zusammengefalteten Papierchen zerrissen und durch die Luft gejagt. Einmal habe ich einen Flieger gebastelt und einem der Tollkühnen auf die Nase geschossen. Manchmal haben wir kunstvolle Boote aus den Botschaften mit dem linierten Schulheftpapier gebaut und die Mur hinabgeschickt.
Richtig zerstritten haben wir Mädels uns wegen der Burschen nie. Hin und wieder kam es zu Kabbeleien, die jedoch immer mit einer herzlichen Versöhnung endeten. Meine Freundinnen wussten, dass ich mit keinem ihrer Auserwählten geflirtet hätte. Das war nicht mein Stil. Und ich konnte schließlich nichts dafür, lange blonde Locken, unzählige Sommersprossen auf der Nase und blitzend grüne Augen zu haben.
Lotte war unsere Klassenbeste und stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Sie besaß eine hässliche Zahnspange, hatte aber einen gutmütigen Charakter, und wir alle mochten sie und waren nett zu ihr, weil sie ein herzensgutes, pummeliges Ding war. Außerdem ließ Lotte uns von ihren Hausarbeiten abschreiben oder gab uns Nachhilfeunterricht in den unterschiedlichsten Fächern. Während der Schularbeiten steckte sie uns stets verschämt die Lösungen zu, sobald sie merkte, dass eine von uns zwischen den Zahlen oder Worten hing. Ihr war es wichtig, Teil unserer Clique zu sein, und sie passte wegen ihrer Schrulligkeit perfekt in die Gruppe.
Irgendeine von uns hatte immer Leckereien für sie.
Lilis Vater rauchte und achtete nicht auf seinen Zigarettenvorrat. Oder vielmehr traute er seiner braven Tochter keinen Diebstahl zu. Mein alter Herr besaß einen gut bestückten Weinkeller. Was kein Wunder war, denn am Ende verdiente er als alteingesessener Winzer mit dem Rebensaft einen Batzen Geld. Gabys Mutter arbeitete in einer Konditorei und wunderte sich kaum, wenn eines der Marzipantortenstückchen, eine Kokoskuppel oder ein Punschkrapferl verschwand. Sie war zu beschäftigt mit ihrer heimlichen Liebschaft. Der Bäcker und sie hatten es einander eben angetan.
Babsis Tante arbeitete in einem Kaufhaus und litt unter einer seltsamen Krankheit. Ihr fiel nie auf, wenn T-Shirts, Kettchen oder bunte Socken fehlten. Babsi erklärte uns, dass die Tante als Kind mit dem Rodel gegen einen Baum gerast sei und danach in der Hilfsschule ihren Abschluss gemacht und durch die Beziehungen von Babsis Vater einen Integrationsarbeitsplatz erhalten hatte. Wir kapierten kein Wort davon, wussten bloß, dass