KAPITEL 2
Der Politikbegriff bei Hannah Arendt«, las Professor Albrecht das nächste Referatsthema vor und sah fragend in die Runde. Schnell hob ich die Hand und beglückwünschte mich innerlich dazu, heute überpünktlich im Seminarraum erschienen zu sein. Statt wie sonst den Snooze-Button zu drücken, war ich direkt beim Klingeln des ersten Weckers aufgestanden. Wahrscheinlich, weil mir das Stipendien-Thema im Nacken saß und ich mir selbst beweisen wollte, dass ich mein Leben zumindest in anderen Bereichen im Griff hatte.
Auf dem Weg zum Seminarraum war ich wieder einmal sehr dankbar dafür gewesen, dass meine Uni sich nicht in irgendeinem verwinkelten, historischen Gebäude in der Innenstadt befand. Stattdessen hatte man sich vor ein paar Jahren dafür entschieden, einen Campus aus modernen, rechteckigen Gebäuden mit Glasfassade am Ufer des Eldersees zu bauen. In jedem der Gebäude war eine andere Fakultät untergebracht, und ich liebte das simple und logische System, nach dem die Hörsäle und Seminarräume nummeriert waren.
Sich zu verlaufen war dadurch eine Sache der Unmöglichkeit, und so hatte ich den Raum heute bereits um Punkt acht Uhr betreten. Das hatte sich eindeutig gelohnt, da unser Dozent das »c. t.« im Stundenplan geflissentlich ignoriert und direkt mit der Referatsverteilung begonnen hatte.
Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie schräg hinter mir ebenfalls jemand die Hand hob. Professor Albrecht nickte. »Mila Lešnik und Nhi Tran«, wiederholte er unsere Namen, während er sie aufschrieb. Als ich meinen Kopf drehte, blickte ich in das Gesicht einer Kommilitonin, die ich vom Sehen kannte. Nhi hatte lange, silbern gefärbte Haare und war mir schon häufiger wegen ihrer tollen Outfits aufgefallen.
Als ich sie nach dem Seminar darauf ansprach, wie sehr ich ihren Stil mochte, freute Nhi sich sichtlich darüber.
»Kannst du das mal meiner Mutter erzählen?«, fragte sie mich und warf dabei einen Blick nach unten zu ihrem karierten Rock, der Netzstrumpfhose und den schwarzen Doc Martens. »Sie hofft seit Jahren inständig, dass diese ›Phase‹ bald vorbei ist. Hauptsächlich, damit meine Tanten aus Vietnam endlich aufhören, sie zu fragen, warum ich keine anständige Kleidung trage.«
Sie schob eine Haarsträhne hinter ihr Ohr und gab damit den Blick auf einen schwarzen Tunnel-Ohrring mit silbernem Rand frei. »Die hier hasst sie ganz besonders, und sie fragt mich ständig, ob ich immer noch die Musik von ›diesem langhaarigen, zotteligen Typ‹ höre.«
»Kurt Cobain?«, mutmaßte ich, und Nhi seufzte theatralisch.
»Wie sagt man so schön? Eine Jugend ohne Nirvana-Phase ist zwar möglich, aber sinnlos. Inzwischen hab ich mein Musikrepertoire zwar schon längst erweitert, aber für meine Mutter ist Kurt immer noch die Quelle allen Übels.« Sie deutete auf die hellblaue Jeansjacke mit aufgestickten Sonnenblumen, die ich über dem Arm trug. »Hast du die vonSecond Chance? Die