: Julie Peters
: Ein neuer Sommer am Inselweg Roman
: Aufbau Verlag
: 9783841232090
: Friekes Buchladen
: 1
: CHF 6.60
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Ein Sommer voller Gefühle.

Endli h ist es wieder Sommer, doch Sonja kann die Schönheit der Insel nicht genießen. Als dreifache Single-Mutter mit Vollzeitjob ist sie vor allem eins: unendlich müde. Dann steht Carl vor ihrer Tür. Der Star-Journalist und ehemalige Kollege von Sonjas Freundin Frieke wurde suspendiert, jetzt sucht er Abstand und hilft in Friekes Buchladen aus. Völlig unerwartet knistert es zwischen Sonja und Carl, doch kann Sonja dem Mann vertrauen, der offensichtlich gelogen hat? Und auch Frieke steht plötzlich vor einer Entscheidung, die ihr Leben auf den Kopf stellt ... 

Romantisch und witzig: ein Sommerbuch mit Wohlfühl-Garantie.


Julie Peters, geboren 1979, arbeitete als Buchhändlerin und studierte Geschichte, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie lebt mit ihrer Familie im Westfälischen. Im Aufbau Taschenbuch sind bereits ihre Romane »Mein wunderbarer Buchladen am Inselweg«, »Mein zauberhafter Sommer im Inselbuchladen«, »Der kleine Weihnachtsbuchladen am Meer«, »Die Dorfärztin - Ein neuer Anfang«, »Die Dorfärztin - Wege der Veränderung«, »Ein Sommer im Alten Land«, »Ein Winter im Alten Land« und zuletzt »Käthe Kruse und die Träume der Kinder« erschienen.

Kapitel 1


Die Nächte gehörten Sonja.

So ganz freiwillig ja nicht, aber wenn sie nach einem langen Arbeitstag und der anschließenden Hausarbeit, die sie eben nicht liegen lassen konnte, irgendwann abends aufs Sofa sank, stellte sie sich gegen die Müdigkeit einen doppelten Espresso auf den Kaffeetisch. Neben das Häkelzeug und das Buch, das sie gerade las. Im Moment war das, wie passend!, »Schlafen werden wir später« von Zsuzsa Bánk. Der fiktive Briefwechsel zweier Frauen in der sogenannten Rush Hour des Lebens, Sonja hasste diesen Begriff, die sich darüber austauschten, wie wenig Zeit ihnen fürs Durchatmen blieb neben den tausend großen und kleinen Anforderungen des Alltäglichen.

Diese Stunden von abends um neun bis mindestens Mitternacht waren ihre Zeit. Die Kinder schliefen, kein Mann saß neben ihr und verlangte ihre Aufmerksamkeit. Sie konnte häkeln, lesen, Nachrichten im Fernsehen gucken, oder einfach nur, weil sie Lust drauf hatte, zum dritten Mal eine ihrer Lieblingsserien. Und wenn sie kurz nach zwölf ins Bett ging, den Wecker auf sechs Uhr stellte und dann doch bis nach halb zwei noch las – dann war auch das ihre Zeit, die ihr keiner nehmen konnte.

Heute Abend hatte sie allerdings einen kleinen Sofagast.

Ihre Jüngste, Raphaela, hatte in der Schule einen ihrer inzwischen zum Glück seltenen Asthmaanfälle bekommen und dann nach dem kurzen Kontrollbesuch bei Dr. Raik Tossens drüben in der Inselpraxis den halben Nachmittag verschlafen. Nun hockte sie putzmunter neben Sonja, die es nicht übers Herz brachte, Raphaela ins Bett zu schicken. Morgen war Samstag, also musste sie auch nicht zur Schule, und selbst wenn – ob Raphaela im Bett heimlich las oder neben ihrer Mutter auf dem Sofa brav noch einen Thymiantee mit Wildblütenhonig trank, bevor sie richtig müde war, machte auch keinen Unterschied, oder?

Und manchmal, ganz selten nur, genoss Sonja es auch, abends nicht so allein zu sein. Heute allerdings wäre sie lieber allein gewesen, denn neben ihrer Tochter zu sitzen und ihr die Haare aus dem Gesicht zu streicheln, blond und dicht wie die ihres Vaters Bosse, war fast zu viel für sie.

»Mama, alles okay?«

Sonja nickte. »Alles prima.« Sie küsste Raphaelas Scheitel und angelte nach ihrem Handy. Das gehörte abends auch dazu.

Frieke hatte geschrieben.

Endlich schläft der Satansbraten!

Sprichst du von Bengt?, schrieb Sonja zurück.

Frieke antwortete prompt mit einem Smiley, das Tränen lachte. Dann:Keine Mutter hat mir vorher gesagt, dass sie auch mit drei nicht ohne Eltern einschlafen wollen. Clever von euch, uns Unbedarften das zu verschweigen!

Mit acht sitzen sie dann auf deinem Sofa und fressen dir die Chips weg. Du willst eigentlich zum vierten Mal »The Good Wife« gucken, stattdessen läuft »Bibi und Tina«, obwohl du das auch schon auswendig kennst.

»Bist du traurig, weil Papa ne Neue hat?«, fragte Raphaela dazwischen.

Sonja erstarrte mitten in der Bewegung. Sie starrte aufs Handy. »Hat er das? Wusste ich gar nicht.«

»Ja, die Nette von der Karierten Kuh.« Die »Karierte Kuh« war eine von zwei Eisdielen auf Spiekeroog. Sonja wusste sofort, wen Raphaela mit »die Nette« meinte. Die unverschämt schlanke und fröhliche Charlotte, die mit ihrer Schwester Bernadette über den Sommer auf der Insel arbeitete. Bernadette war ein paar Jahre älter als Charlotte, nicht ganz so blond, nicht ganz so überbordend – und damit einfach mal gar nicht Bosses Typ.

»Das ist schön für deinen Papa.« Gedankenverloren zupfte Sonja ein paar Flusen von der Decke, unter die Raphaela und sie sich gekuschelt hatten. Sie wusste noch ganz genau, wie sie diese Decke gehäkelt hatte. Damals, als sie mit Raphaela schwanger war und sich schonen sollte, weil sie immer wieder beängstigend heftige Blutungen hatte. Ein Hämatom direkt neben der Fruchthöhle, hatte die Gynäkologin auf dem Festland per Ultraschall festgestellt und ihr geraten, so viel wie möglich zu liegen. Sonja hatte damals gelacht. »Das ist ja einfach mit zwei kleinen Kindern zu Hause.«

»Versuchen Sie es trotzdem. Dann muss eben Ihr Mann mal mit anpacken.«

Ihr Mann Bosse hatte damals so ziemlich viel angepackt – nur nicht im Haushalt. Ständig war er unterwegs. Angeblich, weil er sich um die Ferienhäuser ihres Vaters kümmerte. Nun, das hatte er getan – aber er hatte sich auch mehr, als angemessen gewesen wäre, um einen Gast gekümmert, genauer eine Gästin, die den ganzen Sommer in einer der Ferienwohnungen am Süderloog logierte.

Währenddessen hatte Sonja nichts ahnend auf dem Sofa gelegen, und ihr war unendlich langweilig gewesen. Sie musste sich beschäftigen, sonst wäre sie verrückt geworden. Weil sie für das Baby irgendwann genug Jäckchen und Mützchen gestrickt hatte, brachte ihre Mutter an einem regnerischen Julimorgen einen Beutel voll Häkelwolle mit, stellte ihn mit einem knappen »da, dann machst du dem Baby eben eine Decke!« auf den Hocker und ließ Sonja damit allein, denn die beiden Jungs stritten sich schon wieder in ihrem Spielzimmer so laut, dass die Duplosteine flogen.

Ihre Mutter hatte bei dem Vorschlag eins vergessen: Sonja konnte gar nicht häkeln.

Zum Glück gab es das Internet. Und so nutzte Sonja die folgenden Tage, sich das Häkeln beizubringen. Sie häkelte erst drei Paar Topflappen, und als dann Bosses Lügengebäude in sich zusammenfiel und er ihr hoch und heilig versprach – unter Tränen! –, dass er nie wieder fremdgehen würde, hatte sie noch am selben Abend voller Hoffnung Raphaelas Babydecke angefangen.

Der Kater ließ das Mausen nicht, und in den folgenden Monaten musste Sonja ziemlich oft auf ihre Häkeldecke und den langsam wachsenden Babybauch weinen. Die Blutungen hörten irgendwann auf, aber dass sie traurig war – das nicht.

Rückblickend fand sie es nur schlimm, dass sie Bosse immer wieder geglaubt hatte, dass es nie wieder passieren würde. Erst knapp fünf Jahre später trennte sie sich von ihm. Die Decke blieb. Es war nicht bei der Babygröße mit einem knappen Meter im Quadrat geblieben; immer neue Grannys, wie man die kleinen Quadrate nannte, hatte Sonja dran gehäkelt, und zum Schluss war die Decke regenbogenbunt und hatte eine rote Umrandung. Sie passte perfekt zu ihrer kleinen, quirligen und bunten Tochter, die sie am liebsten überall mit hinschleppte.

»Mama?«

»Mh?«

Raphaela war schon fast eingeschlafen, fest an sie gekuschelt. Höchste Zeit, sie ins Bett zu schicken.

»Warum hast du eigentlich keinen Freund?«

»Was?«

Sonja fuhr hoch. Das war wirklich kein Thema, das sie mit ihrer neunjährigen Tochter besprechen wollte.

»Wieso? Papa sagt, du bist eine tolle Frau, und nur weil es mit euch nicht geklappt hat, musst du ja nicht allein bleiben.«

»Sagt er das. Ach so.«

Zum Glück brummte irgendwo unter den Regenbogenquadraten gerade ihr Handy. Sie tastete danach.

Können wir mal reden? Es wird ernst mit Bengt und den Mauerseglern.

Klar! Montag Mittagspause bei mir?

Frieke schickte einen nach oben gereckten Daumen.

»So, und nun wird’s Zeit fürs Bett, meine Kleine.«

Raphaela zog eine Schnute. »Voll ungerecht. Nur weil ich mit dir über Papa rede?«

Sonja zögerte. »Nein«, log sie. Aber das Gespräch über Männer und das Fehlen eines Mannes in ihrem Leben war nun mal keins, das sie mit Raphaela führen wollte. Und sie fand’s auch daneben von Bosse, dass er das den Kindern gegenüber thematisierte. »Weißt du, ich bin ganz gern allein. Also mit euch allein.«

»Na gut. Aber wenn sich das ändert, sagst du es, oder? Papa oder Dr. Tossens haben bestimmt ein paar Kumpel, die sie dir vorstellen könnten.«

Fast hätte Sonja gelacht. Aber ihre Tochter sah sie mit so viel kindlichem Eifer an, dass sie es sich verkniff. Sie kannte doch jeden auf der Insel, war hier aufgewachsen und zur Schule gegangen, und niemand würde es schaffen, sie von hier wegzuholen. Nein, nein, die Insel und sie, das war eine feste Verbindung, die kein Mann lösen konnte. Und welcher Mann würde schon sein Leben auf dem Festland dafür...