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Shaw kehrte zum Haus zurück, wollte wieder in die Küche und zu den Unterlagen, kam aber nur bis zum Wohnzimmer.
Dort hielt er abrupt inne und starrte auf ein Regal, in dem die fünfzehn Zentimeter große Bronzestatuette eines Weißkopfseeadlers stand, die Schwingen ausgebreitet, die Fänge vorgereckt, die Raubvogelaugen nach unten gerichtet.
Shaw nahm sie, betrachtete sie von allen Seiten, hielt sie wieder aufrecht.
Auf den ersten Blick schien es sich um ein gefällig modelliertes Mitbringsel aus dem Andenkenladen eines Tierparks zu handeln, ein Vitrinenobjekt der gehobenen Preisklasse.
Doch für Colter Shaw verband sich wesentlich mehr damit.
Die Figur hatte vor vielen Jahren in seinem Zimmer des Anwesens gestanden, dann war sie plötzlich verschwunden. Er hatte sich hin und wieder gefragt, was wohl aus ihr geworden sein mochte. Hatte er sie womöglich selbst irgendwann weggeräumt, um Platz für handgefertigte Waffen und Ausrüstungsgegenstände zu schaffen – oder für irgendein Fundstück seiner endlosen Wanderungen durch die umliegende Berglandschaft: Steine, Kiefernzapfen, Pfeilspitzen, Knochen?
Die Statuette nun hier wiederzufinden, machte ihn froh, denn endlich begriff er, was geschehen war. Sein Vater musste sie als Erinnerung an sein mittleres Kind hergebracht haben. Shaw war zudem erfreut, dass die Figur überhaupt noch existierte, denn wie er in ihren Besitz gelangt war, stellte einen wichtigen Aspekt seiner Kindheit dar. Das entsprechende Ereignis hatte letztlich sogar Auswirkungen auf sein heutiges Leben und seine Berufswahl gehabt.
Der Rastlose …
Doch diese Nachbildung eines Vogels in kraftvollem Flug rief auch traurige Jugenderinnerungen wach, vor allem an seinen älteren Bruder, Russell.
Vor vielen Jahren hatte Ashton Shaw aus einer Laune heraus beschlossen, dass die damals dreizehnjährige Dorion mitten in der Nacht und ungesichert eine fast fünfzig Meter hohe Felswand hinaufklettern sollte. Er nannte das eine Abschlussprüfung, und alle seine Kinder mussten sie absolvieren, wenn sie Teenager wurden.
Russell und Colter hatten die Tour bereits hinter sich, hielten diesen Initiationsritus aber mittlerweile für überflüssig, erst recht im Hinblick auf ihre Schwester. Dabei war Dorie mit Talkum und Seil genauso begabt und athletisch wie ihre Brüder und übertraf sogar Ashton selbst. Sie hatte das bereits mehrfach unter Beweis gestellt, auch bei Nacht.
Mit ihrem schon damals ausgeprägten Eigensinn beschloss Dorie, sie habe diese Prüfung nicht nötig … oder keine Lust darauf. »Nein, Ash«, verkündete sie unumwunden.
Doch ihr Vater gab nicht nach, ereiferte sich immer mehr und geriet regelrecht in Rage.
Dann griff der ältere Bruder Russell ein und stellte sich auf Dories Seite.
Die Situation eskalierte. Ein Messer kam ins Spiel – durch Ashton. Und Russell, der von seinem Vater entsprechend ausgebildet worden war, wollte seine Schwester beschützen und den aufgebrachten Mann entwaffnen.
Mary Dove, die auch als Psychiaterin ihres Mannes fungierte und seine Medikation überwachte, war zu der Zeit wegen eines familiären Notfalls nicht vor Ort, sodass kein anderer Erwachsener die Gemüter hätte beschwichtigen können.
Nach einem bis zum Zerreißen angespannten Moment gab der Vater letztlich doch klein bei und zog sich unter leisem Protestgemurmel in sein Schlafzimmer zurück.
Wenig später war Ashton dann bei dem Sturz am Echo Ridge gestorben.
Dies geschah unter fragwürdigen Umständen, und zu allem Überfluss erfuhr Shaw, dass sein Bruder im Hinblick auf seinen Verbleib am Todestag des Vaters gelogen hatte und in Wahrheit unweit des Echo Ridge gewesen war. Daher nahm Shaw an, dass Russell den Man