Im Monat zuvor …
1. Kapitel
Villa Borchardt, Koenigsallee 75,
Berlin-Grunewald
Freitag, 19. November 1976
Ich bin der Marionettenspieler, und ihr seid die Puppen, die an meinen Strippen hängen und sich genauso bewegen, wie ich es will.
HANNSBORCHARDT
Alles war vorbereitet, er hatte an alles gedacht. Wie immer. Was er plante, gelang, dafür sorgte Hanns schon. Es hatte ihn tatsächlich einige Mühe gekostet, Maria über die Stunden zu beschäftigen und bei Laune zu halten, um sie möglichst weit und lange von zu Hause wegzubekommen. Natürlich hatte sie es ihm nicht abgeschlagen, immerhin hatte er ihr gesagt, dass es darum ging, ihr an ihrem fünfzigsten Geburtstag eine besondere Freude machen zu wollen. Also war er mit seiner Frau zunächst zur Damenausstatterin gefahren, wo eine Modenschau mit den neuesten Modellen an Tagesgarderobe und Abendkleidern für Maria veranstaltet worden war und sie sich nach Herzenslust hatte einkleiden können. Kurz war Hanns verärgert gewesen, meinte seine Frau doch, dass sie genug schöne Kleider besaß und sie eigentlich gar nichts hätte haben wollen. Natürlich hatte er ihre Argumente nicht gelten lassen. Was für ein Unsinn aber auch. Am Ende hatte sie dann zwei Kostüme und ein Abendkleid bestellt, und Hanns hatte, Marias Einwände ignorierend, noch einmal fünf weitere Modelle zusätzlich in Auftrag gegeben. Dann war er mit seiner Frau im Helikopter an die Nordsee geflogen, und sie hatten dort zu Mittag gegessen, weil Maria aus einem Dorf in der Nähe von Bremerhaven stammte und bis heute behauptete, dass man nirgendwo besser Fisch essen konnte. Hanns hatte es zwar missfallen, dass seine Frau sich lediglich eine gemischte Fischplatte bestellt hatte und den Hummer mit dem russischen Kaviar und den Austern, die Hanns geordert und extra vorbestellt hatte, ablehnte. Da es aber ihr Geburtstag war, sagte er nichts. Doch manchmal, so musste er feststellen, gelang es Maria einfach nicht, den provinziellen Mief des Gewöhnlichen hinter sich zu lassen, auch nach all den Jahren des Reichtums und Überflusses nicht. Aber er wollte sie an diesem Tage nicht dahingehend belehren.
Für den Abend, so dachte Maria, würde es ein gemütliches Essen zu Hause im engsten Familienkreis geben. Nur Hanns, Maria und die gemeinsamen Kinder Holger und Hanna. Das hatte seine Frau sich gewünscht. Doch natürlich hatte Hanns etwas ganz anderes geplant und würde seine Frau hiermit überraschen. Wenn sie gleich mit dem Helikopter landeten, würden bereits fast hundert Gäste auf sie warten. Immerhin zählte seine Familie zur besseren Gesellschaft, und mit dieser umgab man sich nun mal zu einem Anlass wie dem fünfzigsten Geburtstag, wenn man weiterhin dazugehören wollte. Und das wollte Maria schließlich auch, selbst wenn sie manchmal so tat, als würde ihr all das nichts bedeuten.
Hanns lenkte seine Frau ab, als sein Privatpilot Harald Flenske mit dem Helikopter zur Landung ansetzte. Schließlich sollte Maria nicht auf die vielen Autos aufmerksam werden, die im hinteren Bereich des Geländes und um das Grundstück herum abgestellt worden waren. Zwar war es zu dieser Jahreszeit in den Abendstunden bereits dunkel und die Fahrzeuge damit nicht auf den ersten Blick zu erkennen, doch er wollte lieber nichts riskieren. Zu ihrer Überraschung zog er seine Frau an sich und gab ihr einen langen Kuss, den er abbrach, als der Helikopter aufsetzte.
»Da sind wir«, verkündete er.
»Hanns«, sagte Maria und sah ihn glücklich an. »Du hast dir wirklich viel Mühe gegeben heute, und ich weiß, dass es für dich nicht leicht war, den ganzen Tag mit mir zu verbringen und deine Arbeit einfach liegen zu lassen.« Sie beugte sich vor und gab ihm noch einen Kuss. »Danke. Das bedeutet mir wirklich viel.«
»Für dich tue ich doch alles.« Er küsste sie noch einmal kurz und sah dann auf ihren Mund. »Du solltest deinen Lippenstift nachziehen, meine Liebe«, bemerkte Hanns.
»Ich glaube, unsere Kinder wir