PROLOG
Unter dem unerbittlichen Ansturm der Wirklichkeit bleibt niemand unversehrt.
Wir stemmen uns gegen den Wind und setzen unseren Weg fort. Manche von uns können irgendwann nicht mehr und gehen wie vom Blitz getroffen zu Boden. Andere machen weiter. Stocksteif und mit eingezogenem Kopf ziehen sie im Unwetter die Mäntel enger um sich und geben nicht auf. Wieder andere müssen noch lernen: die Sonne zu sehen, auch wenn sie nicht scheint, oder die Wolken zu beobachten, um im richtigen Moment einen Ortswechsel vorzunehmen, jederzeit bereit, den ersten Lichtstrahl einzufangen. Sich aufzuwärmen.
Niemand ist mehr im Recht oder im Unrecht als die anderen. Niemand hat eine Schlacht gewonnen oder verloren. Wir alle haben einfach nur versucht zu leben, so gut es eben geht. Wir alle, die wir in diese Welt hineingeworfen wurden, sind heldenhaft.
Als meine Mutter mit meiner Schwester und mir in das Viertel zog, in dem wir aufwachsen sollten, war der Vorfall bereits geschehen. Nur wenige Monate zuvor. Damals, als wir dort ankamen, war noch vieles unklar. Das Wichtigste.
Alle dort nannten es nurden Vorfall.
Es war in unserer Wohnanlage passiert. In unserem Gebäude.
Ich war damals acht Monate alt und noch zu klein, um etwas zu verstehen. Auch meine Schwester war noch zu klein – sie war vier. Doch dass dort etwas nicht stimmte, merkten wir schon sehr bald.
Alle Eltern unserer Wohnanlage, auch meine Mutter, ließen uns Kinder nie allein in den Hof. Stets mussten wir in Sicht- und Hörweite bleiben. Nicht in der irgendeines uns bekannten Erwachsenen – eines Nachbarn aus demselben Stockwerk zum Beispiel oder eines langjährigen Bekannten unserer Eltern, eines Verwandten. Auch nicht in der eines Großvaters oder einer Großmutter. Ich bekam mit, dass es Frauen gab, die ihre Kinder nicht dem eigenen Ehemann anvertrauten beziehungsweise Männer, die ihre Kinder nie mit der Ehefrau allein ließen. Das sah ich, und das sah auch meine Schwester. Wir haben das damals beide mitbekommen. Es war unmöglich, es nicht zu sehen. Doch meine Schwester und ich haben uns nie gefragt, warum es so war. Wir waren dort praktisch geboren worden.
Die Schule war ganz nah, doch keines der Kinder unseres Viertels ist jemals allein oder mit Freunden dorthin gegangen, wie es ab einem gewissen Alter üblich ist. Irgendetwas stimmte dort nicht, das merkten wir. Aber unser Vater hatte die Familie kurz vor dem Umzug verlassen, und meiner Mutter ging es nicht gut, ihr ging es generell nicht gut. Meine Schwester und ich hatten zu viel anderes im Kopf, um uns mit dem Vorfall auseinanderzusetzen.
Als ich siebzehn war, sah ich meinen Vater nach langer Zeit wieder. Er verplapperte sich und verriet, was passiert war. Vielleicht dachte er, unsere Mutter hätte uns davon erzählt. Es war etwas Entsetzliches – etwas ganz Schlimmes, aber mit Sicherheit keinVorfall.
Es gab Gründe dafür, jemand hatte es getan, und zwar ganz bewusst. Etwas so Entsetzliches, dass ich verstand, warum es diesen Ort für immer brandmarkte. Manche glauben, dass Orte von Geistern heimgesucht werden. Sie sind dann verflucht, heißt es. Ich weiß nicht recht, was ich glauben soll. Aber ich bin mir sicher, dass manche Orte Schmerz in