1.
»Is this the real life? Is this just fantasy?«
Liebst du eine Illusion?
Wenn man genau hinschaut, verrät einem der Körper eines Menschen oft schon erstaunlich viele Details über ihn, noch bevor man sich überhaupt kennengelernt hat. Das können naheliegende Dinge sein, die man anhand der Kleidung erkennt – was derjenige beruflich macht, welchen Sport er treibt, vielleicht, welche Musik er liebt. Aber auch viel Tieferes lässt sich häufig schon allein an der Körperhaltung, der Mimik oder den Bewegungen eines Menschen erkennen: Wie selbstbewusst ist er? Wie leicht oder schwer nimmt er das Leben? Geht es ihm psychisch gerade gut oder schlecht?
Ich betreibe dieses »Lesen« von Körpern im Kontakt mit meinen Klienten intuitiv, so wie jeder von uns es im Alltag macht, aber darüber hinaus achte ich auch ganz bewusst und intensiv darauf. Die Menschen, die zu mir kommen, haben ihren Kummer meist schon so durchdacht, dass ihnenvom Kopfher oft vollkommen klar ist, was sie tun müssten, damit es ihnen besser geht. Abervom Herzenher schaffen sie einfach nicht, das auch umzusetzen. Indem ich dann den Körper eines Menschen in das Gespräch mit einbeziehe (ich weiß, das klingt hier etwas abstrakt, aber es wird an verschiedenen Stellen im Buch noch klarer werden), kann ich ihn den Weg aus seinem Schmerzfühlen, anstatt nur kognitiv begreifen lassen. Das kann echte Wunder bewirken.
Manche Körper von Menschen verraten mir auf Anhieb mehr, andere weniger. Und bei manchen verkörpert sich der Kern ihres »Problems« in einer Weise, die mich selbst überrascht. So ging es mir bei Michaela, die an einem verregneten Mittwoch im Sommer 2017 das erste Mal zu mir kam.
Zwei Minuten vor der vereinbarten Uhrzeit klingelte es in meiner Praxis. Ich habe die Angewohnheit, dann in den kleinen Flur im Eingangsbereich zu gehen und die Tür schon zu öffnen, sodass ich höre, wie meine Klientin oder mein Klient die Treppe nach oben kommt. Michaela, das fiel mir sofort auf, hatte einen sehr energischen Gang. Mit festen Schritten trat sie Stufe um Stufe. Einmal stolperte sie allerdings, es polterte ein wenig, sie zischte leise ein Schimpfwort. Doch als Michaela schließlich vor mir stand, war von ihrem Ärger nichts mehr zu erkennen. Ich sah mich einer ziemlich forsch dreinblickenden Frau um die vierzig gegenüber, mit dunklem Haar, das mich spontan ein wenig an die Nena der 80er-Jahre erinnerte: Vorn mit Pony und toupiert, nach hinten schulterlang und etwas wild. Michaela war etwas füllig, trug beigefarbene sportliche Cargo-Shorts blaue Ballerinas mit einer Schleife auf der Schuhspitze und ein weißes hüftlanges Top mit Spaghettiträgern. Dank dieses Oberteils fiel mir sofort auf, dass Michaela – vielleicht unbewusst – versuchte, sich »breiter«, präsenter zu machen: Sie hielt die Arme etwas abgespreizt vom Körper und auch die Füße waren recht weit voneinander entfernt auf dem Boden platziert, was ihr einen auffällig breitbeinigen Stand verlieh. Während sie mir die Hand entgegenstreckte, hielt sie sich aufrecht. »Hallo, ich bin die Michaela, ich habe jetzt einen Termin!«, sagte sie und als wollte sie das überprüfen, untermauern oder insgeheim vielleicht auch nur einen Grund finden, mir doch nicht allzu lang in die Augen schauen zu müssen, warf sie schnell einen Blick auf die Uhr an ihrem linken Handgelenk. »Ja, wie schön, dass du da bist, Michaela. Willkommen!«, erwiderte ich, während auch ich ihr meine Rechte hinstreckte. Michaelas Händedruck war schwächer, als ich erwartet hätte. Ihre Hand schwitzte ein bisschen, was aber nicht unangenehm für mich war. Mit einer einladenden Geste bed