PROLOG
Schnee.
Schnee, schwarzer Fels und eiskalter Wind.
Der Sturm toste über den einsamen Gebirgspass, und jede bitterkalte Böe wirbelte einen neuen Hagel aus gefrorenem Schnee auf. Der Wind war stark genug, unvorsichtigen Wanderern das Gleichgewicht zu rauben und sie zwischen den scharfkantigen Felsen und dem steinigen Geröll ins Verderben zu stürzen.
Hoch oben tauchten die steilen Berggipfel in die bleiernen grauen Wolken ein, die wütend um sie herumwirbelten.
In dieser düsteren, feindlichen Umgebung kämpfte sich eine einsame Gestalt den Hang hinauf. Sich gebeugt gegen den aufkommenden Sturm stemmend, das Gesicht vom Wind abgewandt, der die nackte Haut wund peitschte, stapfte das Mädchen verbissen durch den immer tiefer werdenden Schnee. Jeder Atemzug kam als flacher, keuchender Seufzer, und Wärme und Feuchtigkeit des Ausatmens wurden sofort vom heulenden Wind weggerissen, als versuchte der Berg selbst, das Leben aus ihr herauszusaugen.
Sie trug weder einen Rucksack noch hatte sie eine schützende Plane, Ausrüstung oder Waffen dabei. Sie verfügte nicht einmal über einen Vorrat an Lebensmitteln, um sich auf ihrer strapaziösen Reise zu stärken. In dem Chaos ihres Aufbruchs hatte sie keine Zeit gehabt, etwas zusammenzupacken für ihre Flucht aus der beruhigenden Sicherheit ihres Dorfes, ihrer Heimat, ihres Volkes.
Vielmehr dem, was aus ihrem Volk geworden war.
Das Mädchen schüttelte sich bei dem Gedanken an etwas, das viel tiefer drang als der kühle Wind, als sie sich lebhaft an die Schrecken erinnerte, die sie einen Tag zuvor erlebt hatte. Die Szenen von Tod und schrecklicher Gewalt, begangen von Menschen, die einander bis dahin nur Liebe und Loyalität entgegengebracht hatten. Ein ganzes Dorf war ausgelöscht worden, eine ganze Gemeinschaft vernichtet. Jeder, den sie in den fünfzehn Jahren ihres Lebens gekannt und gemocht hatte, war für immer verloren. Und das alles wegen dieses Gegenstandes, den sie bei sich trug, in der kleinen Ledertasche, die sie über die Schulter gehängt hatte. Er wog schwer und schlug ihr bei jedem Schritt schmerzhaft gegen die Seite.
Der Geisterstein. Ein großer Splitter aus so schwarzem Gestein, wie sie es noch nie gesehen hatten. Die von vielen Facetten überzogene Oberfläche war vollkommen eben, die Kanten waren pfeilgerade, und die bizarren kristallinen Tiefen sogen den Blick und den Geist auf. Die einzige Unvollkommenheit seiner seltsamen Form stellte die grobe Bruchlinie entlang der Basis dar, wo er aus seinem angestammten Platz herausgebrochen worden war.
Das Mädchen erinnerte sich noch lebhaft an die aufregende Entdeckung vor einigen Tagen, als ihre Jagdgruppe auf eine bis dahin unbekannte Höhle hoch oben in den Bergen gestoßen war. Drei der stärksten und mutigsten Jäger hatten sich hineingewagt. Der flackernde Schein ihrer Fackeln verschwand in der Dunkelheit, und als sie schließlich wieder aus der schattigen Höhle heraustraten, erzählten sie eine haarsträubende Geschichte über sagenhafte sternenübersäte Höhlen, die dem Eingang in eine andere Welt glichen. Als Beweis für ihre Entdeckung hatten sie den G