Sommer 1941.
Seltsam, denkt Hans, vor nicht allzu langer Zeit wäre ihm ein Tag wie dieser noch als ideal erschienen. Das frühe Aufstehen in der Kaserne, traute Kameradschaft, sich waschen aus eisernen Schüsseln, einer neben dem anderen, auch das ist Vagabundentum. Das Anziehen der Uniform und die Hoffnung auf eine bessere irgendwann, auf Rang und Namen. In Stille beten während des Frühstücks, schlechter Kaffee und trockenes Brot, auch das ist Fasten. Dem Herrn für alles danken und um einiges bitten, dann ab in die Universität und den Vormittag in geistiger Betriebsamkeit verbringen. Hans hat mehr Fächer belegt als alle, die er kennt. Der Mensch besteht ja nicht aus Haut, Knochen und Blut allein, da reicht die Medizin nicht aus, um den Menschen als Ganzes zu erfassen. Am liebsten sitzt Hans bei den Philosophen im Vorlesungssaal. Dem Führer ist es schnurzegal, ob man etwas lernt oder nicht, solange man nur ja pünktlich zur Wehrsportübung erscheint, ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper und so weiter. Körperliche Ertüchtigung an der frischen Luft wie früher mit den Jungens in Ulm. Abends dann an ein Mädel schreiben, irgendeines. Patriotische Lieder singen. Keine Zeit für Trübsal.
Wie sich ein Mensch verändern kann, und dabei sind nur wenige Jahre vergangen.
Hans tritt in die Pedale. Jedes Mal kostet es ihn ein wenig mehr Mühe, das Fahrrad ist alt, er muss bald ein neues kaufen, und würde er nicht jede Reichsmark, die ihm in die Finger kommt, beim Buchhändler auf dem Tresen liegen lassen, hätte er das Geld sicher schon beisammen. Aber gerade die philosophischen Werke sind so unglaublich teuer und so wahnsinnig interessant, da muss er eben noch etwas länger auf dem alten Drahtesel hocken. Wenn man nur mehr Zeit zum Lesen hätte und der Staat einem nicht ständig im Nacken säße.
In der Ferne hört Hans Kirchenglocken, ein einzelner harter Schlag, die Mittagsstunde ist vorüber. Er tritt fester in die Pedale, immer fester, das Fahrrad scheint davon aber unberührt, es wird nicht schneller. Er fragt sich, ob es technisch möglich ist, dass sein eigener Widerwillen sich auf die Räder unter ihm überträgt und ihn ausbremst. Technisch vielleicht nicht, möglich ist es trotzdem. Ein paar Mädchen grüßen und winken lauthals vom gegenüberliegenden Gehweg herüber, Hans dreht sich nach ihnen um, nein, die kennt er nicht, kommt dabei ein wenig ins Wanken und fährt fast einen Zeitungsstand nieder. Was grüßen die so? Ach ja, er trägt die Uniform. Dumme Puten, wegen denen wäre er fast hingefallen. Sind aber noch ganz jung und im festen Glauben, ein jeder Soldat ist ein Held oder zumindest ein toller Hecht. Dumme Puten und dummer Zeitungsstand, der ihnen das mit seinen fetten Schlagzeilen und den feschen Kerlen auf den Frontseiten überhaupt erst eingebläut hat. »Unsere glorreiche Wehrmacht im Osten«, »unsere glorreiche Wehrmacht im Westen«, unsere glorreiche Wehrmacht hier und dort und überall. Und ein winzig kleiner Teil dieser Wehrmacht wäre jetzt beinahe höchstpersönlich in den Zeitungsstand hineingekracht. Die Mädchen auf der anderen Seite drüben kichern nicht einmal, die sind einfach weitergegangen. Doch kein so toller Hecht. Der Standbesitzer schimpft, einen Stapel Zeitungen hat Hans bei seinem Manöver vom Verkaufstisch gefegt. DerVölkische Beobachter, ausgerechnet. Sollen die Blätter ruhig liegen bleiben im Dreck, Hans ist ohnehin knapp dran. Zu spät bei der Wehrsportübung erscheinen, das ist ganz und gar undeutsches Verhalten, das wird streng geahndet. Der Zeitungsmann schwingt noch kurz und eher komisch als bedrohlich die Faust über dem Kopf, wie ein gehörnter Ehemann im Bühnenschwank, aber die Mühe, das lahmende Fahrrad zu verfolgen, macht er s