: Anne Müller
: Wer braucht schon Wunder Roman
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641296506
: 1
: CHF 5.40
:
: Erzählende Literatur
: German
: 240
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sommer 1983: Lika hat endlich das Abitur in der Tasche. Bevor sie die norddeutsche Heimatstadt Kappeln, ihren Vater und kleinen Bruder verlassen und in ein neues Leben eintauchen wird, fängt sie als Bedienung bei Fränki im Kakadu an. Kellnerin Biggi ist hier die gute Seele, auch wenn es privat alles andere als rund läuft bei ihr. Der Kakadu wird für Lika schnell zu einer Art Ersatzfamilie. Das liegt auch am französischen Koch, der sie mit seinem Charme und seinen Kochkünsten umwirbt. Ob Picknick beim Segeln oder nächtliches Schwimmen, durch Antoine entdeckt Lika in diesen sommersatten Wochen ganz neue Facetten der Liebe. Aber es wird auch ein Sommer der schmerzlichen Wahrheit, denn Lika erfährt etwas über ihre verstorbene Mutter, was sämtliche Gewissheiten erschüttert.

Warmherziger Humor und eine leise Melancholie – in ihrem unverwechselbaren Sound erzählt Anne Müller vom Weggehen und Aufbrechen und vom Erwachsenwerden. Vor dem einzigartigen Hintergrund der Schleilandschaft weckt die Autorin die frühen 80er Jahre zum Leben.

Anne Müller wuchs in Schleswig-Holstein auf und lebt heute in Berlin. Nach dem Studium der Theater- und Literaturwissenschaften arbeitete sie zunächst als Radiojournalistin, dann schrieb sie Komödiendrehbücher fürs Fernsehen. Ihre Romane »Sommer in Super 8«, »Zwei Wochen im Juni« und »Das Lied des Himmels und der Meere« begeisterten zahlreiche Leserinnen und Leser. In ihrem neuen Roman »Wer braucht schon Wunder« lässt sie die 80er Jahre wieder auferstehen und erzählt vom letzten Sommer, bevor man das Elternhaus verlässt und ins Leben aufbricht.

1.
Der Kakadu


Fränki war mir nicht unbedingt sympathisch, als ich mich bei ihm vorstellte, aber ich ihm, und das war wichtiger, denn er war der Boss, und er sollte mich einstellen. Er sollte das Gefühl haben, dass ich genau die Richtige war, um denKakadu als Aushilfe im Service mit zu schmeißen, denn es gab ja schon Biggi, die fest angestellt war und wie Fränki zum Inventar gehörte. Köche, Küchenhilfen und Aushilfen wechselten, aber Fränki und Biggi waren die Konstanten imKakadu, seit er eröffnet hatte, wir wussten alle nicht mehr, wann das genau gewesen war. Inzwischen gehörte derKakadu aber so zu unserer kleinen Stadt, dass ihn sich keiner mehr wegdenken konnte, und alles, was man sich nicht mehr wegdenken kann, ist im Grunde schon immer da gewesen.

Es war auch nicht so, dass Fränki die Kneipe von jemandem übernommen hatte; vorher war in dem Gebäude, an dem nun ganz selbstverständlich draußen ein breites, bunt bemaltes Holzschild mit der Aufschrift »Kakadu« hing, ich weiß nicht mehr was, gewesen, es war einfach ein großes, leer stehendes Haus mitten in der Stadt, nahe der Kirche und nicht weit vom Hafen. Ein Haus, das einer Erbengemeinschaft gehört hatte, die sich nach jahrelangem Streit irgendwann darauf einigte zu verkaufen. An Fränki, der auch nicht aus Kappeln stammte, sondern ein weit Zugereister war. Doch inzwischen zählte auch das nicht mehr. Wer eine der akzeptablen Kneipen am Ort besaß, die für manche zum zweiten Wohnzimmer geworden war, der brauchte keine Einbürgerungsurkunde. Fränki war Fränki, alle nannten ihn so, keiner von den Stammgästen sagte Frank oder siezte ihn, und das hätte er sich auch verbeten. Sein Nachname stand auf dem kleinen Klingelschild außen am Eingang desKakadu. F. Hoffmann. Wenn man draufdrückte, klingelte es oben in seiner Wohnung. Eine Kneipe braucht keine Türklingel. Sie ist geöffnet oder geschlossen.

Fränki, immer im Jeanshemd mit schwarzer Lederweste drüber, spülte gerade Biergläser am Tresen. In dem Moment wusste ich noch nicht, dass das Abwaschen und Polieren der Gläser zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörten, es schien ihn zu beruhigen, ihm eine innere Befriedigung zu geben, wenn sein Tresen blitzte. Hinter ihm standen die Spirituosen im Regal. Whisky, Rum, Liköre, Schnäpse. Die Vormittagssonne spiegelte sich in den vielen Gläsern und Flaschen, es sah aus wie eine Orgel aus Licht und Glas. Die alte Standuhr tickte, und alles wirkte so aufgeräumt und friedlich. Schwarzer Kaffee duftete zu mir rüber aus einem Becher mitStones-Zunge.

»Und? Schon mal gekellnert?«, fragte Fränki mit seiner tiefen, sanft-kratzigen Raucherstimme.

»Nee.« Ich lächelte ihn an, um meine mangelnde Erfahrung wettzumachen. Ich wusste, dass ich mit meinem Lächeln schon viel im Leben erreicht hatte, und auch wenn ich nicht unbedingt stolz darauf war, mit solchen Tricks zu operieren, es klappte so gut, dass ich schön blöd gewesen wäre, mein Lächeln nicht einzusetzen.

Im Englischleistungskurs hatte ich zwei Mitschülerinnen gehabt, Sybille und Kerstin, die sich als Feministinnen bezeichneten. Für sie hieß das offenbar, auf keinen Fall mit einemBH, gewaschenen Haaren und einem Lächeln in die Schule zu kommen, als wäre das Verrat an der Sache. Ich verstand das nicht, denn man konnte beobachten, wie sie sich damit das Leben selbst schwer machten. Es war doch ganz leicht, mit einem Lächeln manche Herzen zu öffnen und zum Beispiel meinen etwas verklemmten Mathelehrer, Herrn Heitmeyer, davon zu überzeugen, dass eine Schülerin, die so intelligent lächelte, unmöglich eine Fünf im Zeugnis erhalten konnte, obwohl die Noten der Tests und Klausuren eher dafürsprachen. Heitmeyer trug immer so seltsam gestrickte Pullis mit misslungenen, puffärmelar