: Tina Wolf
: Krabbenbrötchen für Kenner Roman
: Heyne Verlag
: 9783641301590
: 1
: CHF 9.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 304
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
An seinem 60. Geburtstag stellt Nikes Vater ihr die Schachtel mit all den Gutscheinen vor die Nase, die sie ihm im Laufe der Jahre geschenkt hat. Plötzlich möchte er sie alle auf einmal einlösen und lädt sie zu einem gemeinsamen Urlaub nach Föhr ein. Nike ist überrascht. Schließlich gab es in seinem Leben bisher immer nur Platz für ihn selbst. Aber schon bald genießt sie die salzige Luft, die leckeren Krabbenbrötchen und die Spaziergänge am Strand. Bei einer Radtour lernt sie den attraktiven Handwerker Basti kennen, der sie vollkommen unerwartet ins Gefühlschaos stürzt. Eine Fernbeziehung kommt für Nike nicht infrage. Doch dann erfährt sie endlich, warum ihr Vater diese besondere Reise organisiert hat, und sie muss sich fragen, ob es nicht Zeit für einen Neuanfang ist.

Tina Wolf stand fünfzehn Jahre für verschiedene TV-Sender vor und hinter der Kamera. Parallel dazu fing sie an, erfolgreich Bücher zu schreiben. Tina Wolf lebt mit ihrem Mann, Sohn und Hund in Hamburg. Ihre Freizeit verbringt sie aber am liebsten an der Nordsee.

1.


Willi sah aus wie ein Zeitreisender, der sich verlaufen hatte. Nike konnte sich in dem Moment, in dem sie ihren Vater zwischen all den anderen Urlaubern am gut gefüllten Fähranleger in Dagebüll entdeckte, ein Grinsen nicht verkneifen.

Vielleicht genoss er es ja auch, überlegte sie, dass ihn hier offenbar niemand kannte. In seiner Heimat Kiel war er bekannt wie ein bunter Hund. Willi, der eigentlich Willem Sturm hieß, war Maler, Künstler, Dozent und beliebter Gast auf allen möglichen Veranstaltungen. Er war bekannt für seine eigenwillige Art und vielleicht gerade deshalb so beliebt. Willi machte, was er wollte. Er passte sich nie an.

So wie jetzt. Er wirkte völlig fehl am Platze zwischen all den Nordseeurlaubern, die sich farbenfroh für jede Wetterlage gerüstet hatten.

Nike ließ sich noch einen Moment Zeit, bevor sie ihn auf sich aufmerksam machen würde.

Sie hatte ihren Wagen auf dem großen Inselparkplatz direkt am Hafen von Dagebüll geparkt und war den Weg zum Fähranleger am Deich entlanggegangen, anstatt den Bus-Shuttle zu nehmen wie die meisten Urlauber. Nach all den Stunden im Auto, auf dem Weg von Hamburg hierher, hatte sie das Bedürfnis gehabt, sich zu bewegen. Die Luft war frisch und klar. Sie hatte sich mit ihrem schwarzen Rollkoffer und der Umhängetasche zwischen all den kleinen und großen Menschen hindurchgekämpft, die alle auf die Fähre warteten, bis sie ihren Vater schließlich entdeckt hatte.

Kein Mensch war wie Willi. Weder hier noch sonst irgendwo auf der Welt. Davon war Nike überzeugt. Seine grauen, gelockten und kinnlangen Haare waren unter dem Strohhut kaum zu sehen. Eine braune Horn-Sonnenbrille verdeckte sein Gesicht an diesem wunderbar sonnigen Tag, der zwar durch die frische Nordseeluft etwas kühler wirkte, ansonsten aber für Mitte Mai überdurchschnittlich warm war. Ihr Vater trug eines seiner hellen Leinenjacketts, das wie alle seine Jacketts maximal locker saß und maximal zerknittert war. Darunter hatte er wie immer einen Kaschmirpullover an. Heute einen dunkelblauen mit V-Ausschnitt. Vermutlich trug er eine passende Leinenhose. Genau sehen konnte sie es zwischen all den kleinen und großen Menschen hier nicht. Neben ihm erkannte sie seinen großen, alten Lederkoffer mit Holzleisten, der aussah, als hätten ihn Bedienstete abgestellt, die gerade auf dem Weg waren, um die restlichen Koffer zu holen.

Willi wirkte etwas verloren zwischen all den bunten Windjacken und Plastikkoffern, den Rädern, Rucksäcken und kleinen Kindern, die Fußball spielten, während ihre Mütter versuchten, sie davon abzuhalten, da die Fähre sich näherte. Er passte hier einfach überhaupt nicht her. Genauso wenig wie diese spontane Reise zu ihnen beiden passte.

Nike erinnerte sich an den Moment, als sie Willi an seinem sechzigsten Geburtstag in Kiel besucht und er sie mit der Idee überrascht hatte, zusammen zu verreisen. Sie war dreißig Jahre alt – und dies war ihre erste gemeinsame Reise. Da konnte man schon mal überrascht sein. Zumal sie auch sonst durch die frühe Trennun