1.
Cuevas de la Avaña ist ein Höhlensystem in der spanischen Provinz Valencia, in dem sich zahlreiche Höhlenmalereien befinden, darunter die stilisierte Darstellung einer Frau, die Honig sammelt. Womöglich hat vor mehr als 7000 Jahren ein einladender Gesang die Bienen angelockt und einen Künstler zu diesem Werk inspiriert.
Als Alice Pascal Azara die Biene sah, die sich auf ihren Handrücken gesetzt hatte, zuckte sie zusammen. Nicht weil sie Angst hatte. Sie wusste, dass sie nicht stechen würde.
Aber sie wusste nicht, was der Besuch der Biene ihr sagen wollte, nur dass es etwas Wichtiges war. Daran gab es keinen Zweifel. Sie hätte besser aufpassen müssen, für ihre Unachtsamkeit hatte sie schon einmal teuer bezahlt.
So war es immer.
Sie beschirmte die Biene mit der Hand, damit niemand im Konferenzsaal sie bemerkte, stand vorsichtig auf und ging auf die Glastür zu und weiter nach draußen. Hinter sich hörte sie, wie Guy Leroy, der Geschäftsführer der Firma für Datenanalyse, für die sie seit acht Jahren arbeitete, den Jahresbericht präsentierte. Sie musste sich beeilen. An diesem Tag ging es auch um ihren persönlichen Erfolg, sie durfte jetzt nicht fehlen.
Die Biene schien keine Angst zu kennen und krabbelte auf ihrem Handrücken herum.
Alice fragte sich, woher sie wohl kam. Sie zog Bienen magisch an, egal, ob im Haus ihrer Eltern in der Provence oder mitten in Paris, stets fanden sie sie.
»Was möchtest du mir dieses Mal sagen?«
Eine Erinnerung wallte in ihr auf, und sie schauderte. Dann konzentrierte sich Alice wieder auf die Biene und erlaubte sich noch einen Moment der Entspannung, um sie zu beobachten, dann hob sie den Arm in Richtung des kobaltblauen Himmels und flüsterte: »Die Sonne geht bald unter, flieg nach Hause.«
Sie kam gerade rechtzeitig in den Konferenzraum zurück.
»Das Ziel wurde weit übertroffen, und jeder von euch hat dazu beigetragen, vielen Dank.«
Beifall brandete auf.
Alice setzte sich in die Nähe des offenen Fensters, falls die Biene sich dazu entscheiden sollte zurückzukehren. Sie lächelte Noêlle Fabre, der Personalchefin, auf dem Stuhl neben ihr zu.
»Sehr gute Arbeit, meine Liebe, Glückwunsch zu deiner Beförderung, sie ist hochverdient.«
»Danke.«
Noëlle stand auf und legte ihr eine Hand auf die Schulter, dann winkte sie Leroy zu sich.
Alice warf noch einen letzten Blick nach draußen, die Biene war sicher auf dem Rückflug in ihren Stock. Dann richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Kollegen und lächelte. Die gelöste Stimmung tat ihr gut.
Das ganze Team hatte für dieses Ergebnis hart gearbeitet. Alice selbst war im Hintergrund geblieben, hatte Probleme analysiert und Lösungen erarbeitet. Diese Rolle wollte sie auch nach ihrer Beförderung weiter beibehalten.
Noëlle stand jetzt neben dem Geschäftsführer und strahlte ihn an, aus ihrem Blick sprach tiefe Zufriedenheit. Einen Moment lang wünschte Alice, sie wäre wie sie.
Aber nur kurz.
Lieber nicht, das war nicht ihre Welt. Sie las lieber den ganzen Tag Berichte. Zahlen hatten keine Meinung, stritten oder beschwerten sich nicht. Zahlen stellten keine Fragen, auf die man nicht antworten wollte. Kein Chaos, keine Überraschungen. Alles war unter Kontrolle.
Sie hob das Glas, das ihr ein livriert