Prolog
Auerbach, März 2023
Es war einer dieser Frühlingstage, an denen sich der Himmel mit Federwölkchen geschmückt hatte, die Sonne sich mit aller Kraft daranmachte, den Winter zu vertreiben, und die Fenster weit geöffnet wurden, um frische Luft hereinzulassen. Das milde Bodenseeklima ließ die Knospen in den Obstplantagen sprießen, in den Cafés wurde wieder draußen serviert, und auf den Promenaden flanierten die Menschen. Die Gartenmöbel wurden aus den Schuppen geholt und die Uhren eine Stunde vorgestellt. Die Tristesse der dunklen Monate schien vergessen, neues Leben erblühte, und neue Hoffnung sollte erwachen, dort, wo lange getrauert worden war.
Ein halbes Jahr war seit Viola Königs tragischem Tod vergangen. Die Tränen waren versiegt, das Grab mit Veilchen bepflanzt, doch die Risse in den Herzen der Familienmitglieder würden noch lange schmerzen. Zu frisch war die Erinnerung an den Schicksalstag, an dem die Familie König um die jüngste der drei Schwestern gebangt hatte, als alle Gebete vergeblich waren.
Rose würde niemals die angstvollen Stunden vergessen, als sie und ihre Familie im Wartezimmer der Klinik saßen, hoffend, dass Viola es bald überstanden hatte. Dass sie ihr Baby in die Arme schließen und die Wehenschmerzen vergessen konnte. Stattdessen hatte die behandelnde Ärztin ihnen mit leiser Stimme erklärt, dass es Komplikationen gegeben und nur das Baby überlebt habe.
Die schockierende Nachricht hatte ungläubiges Schweigen und dann verzweifelte Schreie ausgelöst. Es war ein Moment gewesen, in dem Rose glaubte, die Erde habe aufgehört, sich zu drehen. Herbert, der Vater der drei Schwestern, hatte sich mit den Fäusten gegen die Stirn geschlagen, als wollte er sich die grausame Wahrheit aus dem Hirn prügeln. Iris, die Älteste, hatte sich zum Selbstschutz die Arme um ihren Körper geschlungen. Und nur Florence, ihre aus Frankreich stammende Mutter, brachte den Mut auf zu fragen, was genau geschehen war.
Stockend hatte die Medizinerin von einer Fruchtwasserembolie berichtet. Von Fruchtwasser, das über die Venen im Gebärmutterhals in Violas Blutkreislauf gelangt war, was eine lebensbedrohliche Embolie zur Folge gehabt hatte.
Rose hatte, wie alle anderen auch, nicht glauben wollen, Viola verloren zu haben. Die Schwester nie wieder in die Armen schließen, nie wieder mit ihr lachen oder sie zu einer neuen Auszeichnung beglückwünschen zu können. Lange hatte sie jede Nacht von der Todesnachricht im Wartezimmer geträumt. War nach dem Aufwachen in Tränen ausgebrochen, als sie realisierte, dass es nicht nur ein Traum gewesen war.
Doch ein halbes Jahr hatte nicht genügt, um die Familie vergessen zu lassen, wie grausam das Schicksal gewesen war. Die Trauer um die verlorene Tochter, Schwester und Nichte hatte das Lachen im Haus verstummen lassen. Nur Violas kleiner Tochter Jasmin gelang es, die Tristesse zu durchbrechen. Wenn Jasmin lächelte, ihre veilchenblauen Augen glänzten, die denen von Viola so sehr ähnelten, und als schließlich die ersten beiden Zähnchen sichtbar wurden, wollte jeder sie an sich drücken und mit Küssen überschütten. Das runde Gesicht und das blonde Haar hatte Jasmin vermutlich von ihrem Vater, den sie vielleicht niemals kennenlernen würde. Er war spurlos verschwunden, noch ehe Viola festgestellt hatte, dass sie ein Kind von ihm erwartete.
Dennoch war heute ein Freudentag für die Familie. Iris und Jasmin waren per Adoption ganz offiziell Mutter und Tochter geworden. Viola hatte das noch im Kreissaal kurz vor der Geburt festgelegt, als sie merkte, dass ihr Leben in Gefahr war.
Rose würde nie den geschockten Gesichtsausdruck ihrer älteren Schwester Iris vergessen, als die Ärztin im Krankenhaus ihr Violas Wunsch mi