1. Kapitel
Sue
»Frohe Weihnachten, Sie sind gefeuert.«
»Das hat er gesagt?« Meine beste Freundin Leena zischte ungläubig ins Telefon.
»Sinnbildlich, ja. Ich lege nicht jedes Wort auf die Goldwaage«, murrte ich und fuhr mir resigniert mit den Händen über das Gesicht.
»Seit wann?« Leena prustete, und ich sah vor mir, wie sie eine Augenbraue in die Höhe zog und sich eine Hand vor den Mund hielt. Das tat sie nämlich immer, wenn sie lachte, um die große Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen zu verstecken.
Ich schüttelte lächelnd den Kopf und ließ mich entmutigt auf das winzige, senfgelbe Sofa fallen. Es gehörte zur Ausstattung der Wohnung, in der ich nur wenige Monate gelebt hatte, ehe ich mir durch einen Fauxpas meine eigene Zukunft verbaut hatte. Gerade jetzt, wo es doch endlich so richtig mit meiner Karriere hatte losgehen sollen. »Wie konnte das nur passieren?«
Ich hörte Leena seufzen, was meine Selbstvorwürfe nur verstärkte. »Das ist eine rhetorische Frage, oder, Sue?« Ich wusste nicht, ob ich sie dafür lieben oder hassen sollte, dass sie nicht versuchte, meinen Fehler kleinzureden.
»Kannst du nicht einfach die Zeit für mich zurückdrehen?« Ich lehnte mich zurück, wobei ich tief im weichen Polster versank. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht gewesen, wenn es mich einfach für immer komplett verschlungen hätte. Denn dann hätte ich nicht mit dem Schlamassel klarkommen müssen, den ich mir selbst eingebrockt hatte. Nach all der harten Arbeit, die ich investiert hatte. All den Nächten, die ich schlaflos Akten gewälzt hatte, und nach all der Einsamkeit der letzten Jahre, in denen ich nur für die Kanzlei und das Jurastudium gelebt hatte. Und wofür? Dafür, dass ich kurz vor Beginn der Weihnachtszeit meine Anstellung verlor und kleinlaut in den Schoß meiner Heimatstadt Saint Mellows zurückkehren musste, da ich mir ohne Job das Leben in New York City nicht mehr leisten konnte. Alle hatten gedacht, dass ich es weit bringen würde, und es lag in meiner Natur, diesem Bild, das alle von mir hatten, entsprechen zu wollen. Zurückzukommen fühlte sich nicht nur nach Niederlage an, es war wirklich eine. Die fetteste Niederlage meines Lebens, die ich in diesem Fall nicht einmal verheimlichen konnte, denn in meiner Heimatstadt machte Gossip schneller die Runde als in der Upper East Side. Ich wusste, wovon ich da sprach, denn die Kanzlei, für die ich mein letztes Hemd gegeben hätte, lag in Midtown Manhattan und der Großteil unserer Mandantschaft kam aus der schillernden, aber intriganten Upper East Side. Was man hier so alles zu hören bekam, egal, ob man wollte oder nicht, ging auf keine Kuhhaut. Ich konnte von Glück reden, wenn mein Fehler diskret behandelt wurde, denn sonst würde er dafür sorgen, dass mein Ruf mir vorauseilte und ich für den Rest meines Lebens keine einzige Stelle mehr fand.
»Du weißt, dass ich alles für dich tun würde«, erklärte Leena und holte mich aus meinem Gedankenstrudel, der mir Schwindel bereitete. Vielleicht war es auch der billige Glühwein aus dem Pappkarton, den ich mir aus Frust im Supermarkt gekauft hatte und dessen Dunst sich in meinem winzigen Ein-Zimmer-Appartement ausbreitete. »Aber du musst wohl oder übel darüber hinwegkommen. Du wirst garantiert in einer anderen Kanzlei Fuß fassen können.«
»Dein Wort in Gottes Ohr«, murmelte ich und fasste nach meinen dunkelbraunen Haarspitzen, zwirbelte sie mürrisch zwischen zwei Fingern und starrte mein Handy an, aus dessen Lautsprecher Leenas Stimme drang.
»Wann kommst du nach Hause?«
Ichbin zu Hause, hätte ich