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März
Gerda von Westkamm war das jüngste Kind ihrer Familie. »Ein kleines Nachschrapsel an meinem Rockzipfel, den es nun wirklich nicht noch gebraucht hätte«, pflegte die Mutter ihren Freundinnen zu erzählen, wenn sie von den Nachbargütern zum Kaffee kamen. Dabei stöhnte sie leise.
Gerdas Schwestern, Adele und Leonie, mit denen sie sich das Zimmer teilte, waren fünfzehn und siebzehn Jahre alt. Sie spielten nicht mehr mit dem Puppenhaus oder dem Kasperletheater, sie lasen auch keine Märchenbücher, sondern unterhielten sich über erwachsene Dinge: Adele sprach gern über ihre Verehrer, über Frisuren und die Wäsche in ihrem Aussteuerschrank, und Leonie sprach am liebsten über Pferdezucht und die zahlreichen Probleme, die es dabei zu bewältigen galt. Wenn Gerda Adele und Leonie reden hörte, bekam sie ein bisschen Angst vor dem Erwachsenwerden, so ausgemacht langweilig war es, ihnen zuzuhören.
Zumindest für Mädchen.
Das Leben ihrer Brüder fand sie bei Weitem interessanter. Eduard, der zwanzig war, hatte einmal gesagt, er würde gern durchbrennen und zum Theater gehen, und überhaupt sei er für die Ruhe auf dem Land nicht gemacht, sondern liebe den Trubel in der Stadt. Vor dem Krieg, wenn der Vater ihn zu den Getreidemärkten in Stettin und Danzig mitgenommen hatte, war Edi aus dem Schwärmen gar nicht mehr herausgekommen.
Crispin hingegen war ein großer Reiter gewesen, ein Schwimmer und Wagenlenker, der beim alljährlichen Ernte-Rennen der Zweigespanne den Siegerpokal davontrug. Er hatte sich darauf gefreut, auf Lapienen Gutsherr zu werden, war, wie der Vater und sämtliche Nachbarn sagten, für diese Aufgabe wie gemacht. Er war zweiundzwanzig Jahre alt gewesen, achtzehn, als der Krieg begann, und älter würde er nun nicht mehr werden.
Das bedeutete, dass Gerda eines Tages mehr Jahre zählen würde als ihr ältester Bruder, und das war unvorstellbar traurig. Wenn sie daran dachte, wünschte sie sich, sie könnte immer ein Kind bleiben, das sich mit seinem besten Freund in der hintersten Speisekammer verkroch und Märchen las.
Thomas hatte keine Geschwister, keine lebenden und keine toten, und Gerda war nicht viel besser dran, weil sie ein Nachschrapsel war, mit dem die älteren nichts anfangen konnten. Aber sie hatten einander. So wie es im Märchen von der Schneekönigin stand: »Sie waren nicht Bruder und Schwester, aber sie hatten sich ebenso lieb, als wenn sie es gewesen wären.«
Thomas schwor Stein und Bein, er habe ihr das Buch gekauft, ohne zu wissen, dass das erste Märchen darin – ihr liebstes – von ihnen handelte. Er hatte nicht gewusst, dass der Junge und das Mädchen in der Geschichte ebenfalls Nachbarskinder waren, dass sich die Zweige der Rosenstöcke genauso um die Fenster ihrer Häuser schlängelten und sie im Sommer mit einem Sprung beieinander waren, während es im Winter mit all dem Schnee viel schwieriger war. Am meisten verblüffte beide, dass das Mädchen aus dem Märchen auch den Namen Gerda trug.
Gerda und Kay, so hießen die zwei.
Kay, fand Gerda, war ein ebenso hübscher Name wie Thomas, beide klangen nach einem Burschen, der klug und mutig, manchmal geradezu leichtsinnig und ein bisschen vorschnell war, aber durch und durch anständig – einfach der beste, den es gab.
Seit Thomas ihr das Buch geschenkt hatte und seit sie zusammen das Märchen von der Schneekönigin gelesen hatten, waren sie beide gefangen im Zauber der Geschichte. Sie hatten sich schon in manche hineingedacht und ihr im Spiel ein neues Ende erfunden, aber jetzt beschäftigten sie sich nur noch mit dieser einen. Mit der Geschi