Meja
Johan war gerade zur Arbeit gegangen, als Meja nach Hause kam. Er war Spieleentwickler und hatte keine festen Arbeitszeiten. Manchmal arbeite er noch spät am Abend, manchmal sogar die Nächte durch. Wenn man bei einem Projekt endlich im Flow ist, kann man nicht einfach seine Sachen packen und gehen, erklärte er. Und wie sonst auch hatte er ihr im Schlafzimmer ein zerwühltes Bett, auf dem Badezimmerboden nasse Handtücher und eine Küche mit dreckigem Geschirr hinterlassen. Meja nahm die Bratpfanne mit erkaltetem Baconbratenfett in Augenschein und seufzte.
Als sie vor ein paar Monaten in einem Seniorenheim die Nachtschichten übernommen hatte, hatte sie versucht, ihm nahezubringen, dass es wirklich nicht schön war, am frühen Morgen nach Hause zu kommen und solch ein Chaos vorzufinden. Konnte nicht einfach jeder seinen Kram selbst aufräumen? Darauf hatte er mit den Schultern gezuckt und gleichzeitig genickt – ohne den Blick von seinem Spiel auf dem Computerbildschirm abzuwenden. Zwei Tage lang hatte er sich Mühe gegeben. Danach war er wieder im alten Trott.
Meja drehte den Wasserhahn auf und wusch die Bratpfanne ab. Das übrige dreckige Geschirr stellte sie in die Geschirrspülmaschine, dann drehte sie eine Runde durch die Wohnung und räumte auf. An der Kommode blieb sie stehen und nahm das gerahmte Bild in die Hand. Aufmerksam betrachtete sie jedes kleine Detail. Dieses Foto hatte ihre Mutter von Johan und ihr im Schlosspark von Sofiero aufgenommen, als sie Mejas fünfunddreißigsten Geburtstag feierten. Auf den ersten Blick war es eine gelungene Aufnahme von einem hübschen Paar, das vor einem rosa blühenden Rhododendronbusch posierte. Aber wenn man genauer hinsah, stellte man fest, dass Johan in die eine Richtung blickte und Meja in die andere. Ihre Blicke kreuzten sich sozusagen. Sie schienen sich anzusehen, doch der Eindruck täuschte. Meja stellte das Bild wieder hin. Hand aufs Herz, dieses Foto sprach für sich. Genau so sah es auch in ihrer Beziehung aus. Sie liebten sich … aber blickten häufig aneinander vorbei.
Sie atmete tief durch, während sie Johans Socken vom Sofa pflückte und in den Wäschekorb warf. Gleichzeitig musste sie an den Vormittag bei Inez Edmark denken. Fotos waren ihr im Haus der Schriftstellerin nirgendwo begegnet. Zumindest hatte sie keine zwischen den vielen Bücherstößen und Wollmäusen entdeckt. Meja kannte keine Wohnung, die derart mit Krimskrams vollgestopft war. Zwischen so vielen Bücherstapeln und Papierhaufen zu leben konnte nicht gesund sein. Sie erschauerte. Waren deshalb die Jalousien immer unten? Weil Inez Edmark den Anblick ihrer Unordnung bei Tageslicht selbst nicht ertrug? Meja ging zu dem kleinen Käfig, der in einer Ecke des Wohnzimmers stand, und begrüßte Ingrid, die an einer Apfelspalte knabberte, mit der Johan sie gefüttert hatte, bevor er zur Arbeit gegangen war. Das musste man Johan hoch anrechnen: Er hatte ein gutes Herz. Als Meja ihm verkündet hatte, dass sie sich ein Skinny – ein Nacktmeerschweinchen – anschaffen wollte, hatte er sofort protestiert. Ich werde diese komische Kreatur nicht anrühren, hatte er mitgeteilt und den anthrazitfarbenen kleinen Hautklops angewidert angestarrt, der sie in der Tierhandlung neugierig angeschaut hatte. Doch Meja registrierte immer wieder, dass er mit Ingrid sprach, wenn er an ihrem Käfig vorbeikam, und er fütterte sie mit Weißkohl und Mohrrüben, wenn Meja bei der Arbeit war.
Sie nahm das Tierchen, das erfreut grunzte, aus dem Käfig und trug es zum Sofa. Dort legte sie sich hin, setzte sich Ingrid auf den Bauch und schloss die Augen. Nach den wenigen Stunden bei d