KAPITEL 1
Norderney-Fähre, Ende April 1962
Unter Hannas Fingerspitzen vibrierte die Reling derMSFrisiaIII, als hätte ihre Vorfreude das Schiff angesteckt.
Das Ziel ihrer Reise war von hier aus nicht mehr als ein lang gestreckter Schatten am Horizont, und Hanna war sich nicht einmal sicher, ob das, was sich in der Ferne aus dem Meer erhob, tatsächlich Norderney war oder eine der Nachbarinseln. Baltrum lag nur einen Steinwurf – oder besser eine Fahrrinne – vom einen Ende Norderneys entfernt, Juist nur unwesentlich weiter auf der anderen Seite.
»Aufgereiht wie eine Perlenschnur«, hatte Hannas Mutter einen der vielen Nordseeführer zitiert, die sie aus der Bibliothek mitgebracht hatte. Hanna hatte sich über die Fantasielosigkeit gewundert. Wenn überhaupt, sahen die meisten der ostfriesischen Inseln – Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog und Norderney – aus wie Seepferdchen. Damit ließen sich wunderbare Geschichten für die Kinder erfinden.
Nur noch drei Tage, dann trat Hanna ihre Stelle im Kindererholungsheim Strandhafer an, und mit ihr ihre Cousine Evi. Diese hatte heimlich ihre eigene und Hannas Bewerbung dorthin geschickt.
Ohne Evis Wagemut hätte sich nach der gemeinsam absolvierten Kinderpflegerinnen-Ausbildung nicht viel verändert. So war es von jeher gewesen: Evi kam auf Ideen, Evi stürmte voran, Hanna folgte. Wie oft waren sie deshalb in Schwierigkeiten geraten! Die freigelassenen Schlachtschweine, das umgekippte Jauchefass, in dem sie nach einem Schatz gesucht hatten. Als sie über den Apfelbaum auf das Stalldach geklettert waren und dabei den einzigen Ast abgebrochen hatten, der noch Früchte trug …
Auf der anderen Seite: Ohne die unerschrockene Evi hätte Hannas Familie sie nie gehen lassen. Hanna wäre geblieben, wo alle sie kannten, wo sie wusste, was von ihr erwartet wurde.
Nun lag ein wundervolles Nichts vor ihr wie ein sorgfältig verpacktes Geschenk, und dafür war Hanna ihrer Cousine dankbar. Sie atmete tief ein, aus und noch mal ein, konnte das Salz auf der Zunge schmecken. Der Wind zerrte an ihren Haaren und dem Schal, überhaupt, der Wind: Wie konnte er hier so anders sein? Voller neuer Gerüche und Vorahnungen und – wie konnte Wind so glücklich machen?
Normalerweise hielt Hanna sich zurück. Sie wusste sich zu benehmen. Wer wollte schon unangenehm auffallen? In diesem Moment allerdings, inmitten der kreischenden Möwen, die der Fähre von der Insel aus entgegenflogen, inmitten der regenbogenfarbenen Gischt konnte sie nicht anders: Sie legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen vor dem grellen Sonnenlicht und lachte überschwänglich.
»Na, steigt dir die gute Luft zu Kopf, oder sind das bereits die ersten Erfolge der Thalassotherapie?«
Hanna öffnete widerstrebend die Augen und sah ihre Cousine kopfschüttelnd an. »Thalassotherapie? Warum kann man nicht einfach Meerwasserbehandlung sagen?«
Evi lehnte entspannt neben ihr und lachte. »Vielleicht, weil sich alles, was sich von einer alten Sprache a