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DASFENSTERIM zweiten Stock zur Wohnküche der Sonnlechners war an diesem Abend lange erhellt. Zudem hatte Xaver den gusseisernen Küchenherd mit einer doppelten Ladung Holz und Briketts zum Glühen gebracht, und schon nach kurzer Zeit war es in dem mit Eckbank, Holztisch, gepolsterten Stühlen und einem schönen Büfett recht heimelig eingerichteten Raum so warm, dass Xaver sein Hemd aufknöpfte und im Unterhemd dastand.
»Es ist heiß wie im Hochsommer, ich überleg, ob ich meine Badehose anziehen soll.«
»Willst das Kind verschrecken?« Traudl saß auf der Bank am Küchentisch, die kleine Anna auf dem Arm an ihre Schulter gelehnt, und klopfte ihr sanft auf den Rücken, damit sie aufstoßen konnte.
Vorhin hatte sie das Baby mit der angegrauten Windel, die um die Kette geschlungen war, frisch gewickelt und den Popo mangelsPenaten Creme mit der im Salon vorrätigenNivea Creme versorgt. Zum Glück waren der Strampler und das Jäckchen nicht durchnässt, sonst hätte sie die kleine Anna in eine Decke wickeln müssen. Xaver hatte derweil den Krimskrams aus der oberen Schublade der Kommode im Wohnzimmer geleert. Mit Handtüchern und einem Pullover wurde daraus eine provisorische Schlafstatt für Anna, die Traudl heute Nacht neben ihr Bett stellen wollte. Nach dem Wickeln hatte Anna ein Fläschchen mit Haferschleim getrunken, das ihr geschmeckt hatte, genau wie in dem Brief stand. Traudl hatte zum Glück Haferflocken im Haus, sonst hätte sie den Xaver zu den Nachbarn geschickt. Es war eine sehr hilfsbereite Nachbarschaft, wo man sich gern mit einem Ei, einer Tasse Zucker oder anderen Kleinigkeiten aushalf. Das Haus und der Laden waren offiziell noch im Besitz von Xavers Eltern. Überschreiben wollte die Alten aber erst, wenn Nachwuchs da wäre, und genau darüber dachte Traudl jetzt nach.
»Weißt, was ich mir grad überlege?«
»Dass wir frische Luft brauchen und ich das Fenster aufmachen soll?« Xaver wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn.
Traudl lachte. Sie war so unfassbar froh über das Baby in ihren Armen, dass jeder von Xavers Scherzen sie noch glücklicher machte. Auch wenn sie dieses Kind nicht geboren hatte, fühlte es sich doch schon ein klein wenig so an, als sei es ihr eigenes. »Nein, da liegst ganz falsch, ich hab an deine Eltern gedacht. Ob sie uns den Laden endlich notariell übergeben, wo wir jetzt den lang ersehnten Nachwuchs haben? Ich …«
»Jessas, die Eltern hab ich glatt vergessen«, unterbrach Xaver sie erschrocken. »Was sollen wir denn sagen, woher wir plötzlich ein Kind haben? Mei, oh mei, noch keinen Tag im Haus, und schon bringt so ein Baby alles durcheinander. Na, des kann ja was werdn …«
»Jetzt übertreibst aber …« entgegnete Traudl. »Wir werden die Wahrheit sagen, die ist so traurig, dass sie jeden erbarmt. Außerdem ist mit Lügen noch niemand weit gekommen.«
»Wennst meinst …«
Traudl war aufgestanden und lief mit Anna auf dem Arm durch die geräumige Wohnküche. »Aber zuerst haben wir noch andere Sorgen. Was machen wir mit meinen Terminen am morgigen Samstag? Mit dem Kind kann ich doch nicht arbeiten.«
»Ach, so kleine Kinder schlafen doch den ganzen Tag.«
Traudl schüttelte den