ANNIE
»Annie, wie gut, dass du da bist! Hier ist jetzt schon Land unter.«
»Was ist denn los?« Mit Schwung stellte Annie ihren Kaffee in dem weißen To-go-Becher aus Porzellan auf ihren Schreibtisch, legte ihre Tasche ab und ließ sich auf ihren Stuhl fallen. Gut gelaunt blickte sie Vanessa an, die sich mit einem ganzen Stapel Akten im Arm vor ihrem Schreibtisch aufgebaut hatte. Vanessa war klein, aber oho, und Annie erkannte am energischen Gesichtsausdruck ihrer Rechtsanwaltsfachangestellten, dass irgendetwas den heutigen Arbeitsplan gründlich durcheinandergebracht haben musste.
»Du hast gleich ein Meeting mit Petrus, bei dem es um irgendwelche hochdramatischen Dinge geht.« Vanessa ließ ihre Worte wie eine düstere Prophezeiung klingen.
»Bei Petrus?« Überrascht sah Annie auf. Dass sie einfach so zum Chef gerufen wurde, war eher ungewöhnlich. »Worum geht es?«
Vanessa zuckte die Schultern. »Ich habe nicht die geringste Ahnung. Seine ReNo wollte mir nichts dazu sagen. Etwas merkwürdig, finde ich.«
»In der Tat.« Annie strich sich die dunklen Locken aus dem Gesicht. Normalerweise waren die ReNos, die Rechtsanwaltsfachangestellten der Kanzlei, hervorragend untereinander vernetzt, und besonders Vanessa wusste immer alles bis ins kleinste Detail.
Ihre Assistentin legte den Kopf schief. »Als wäre das nicht schon schlimm genug, sollst du dir danach ein längeres Zeitfenster freihalten. Wie auch immer das funktionieren soll, denn es bringt unseren ganzen Tagesablauf vollkommen durcheinander. Wenn allerdings der Chef etwas von dir will …«
Annie spürte Vanessas prüfenden Blick auf sich, als wolle sie herausbekommen, wie Annies Aktien bei der Kanzleiführung gerade standen. Annie setzte ihr Pokerface auf, obwohl sie natürlich insgeheim hoffte, dass ihre Position ganz ausgezeichnet war. Das war schließlich das, was sie brauchte, um Partnerin zu werden.
Vanessa verlagerte die Akten in ihren Armen. »Termin beim Chef hin oder her, du hast auch ansonsten noch einiges an Arbeit. Den Fall Manfeld musst du als Erstes bearbeiten. Es gab einen Fristablauf, und jetzt schieben sie Panik. Sie haben heute früh schon drei Mal angerufen.« Vanessa knallte die oberste Akte vor Annie auf den Schreibtisch. Annie zog den dicken Stapel Papier zwischen hellbeigen Pappdeckeln zu sich heran. Sie fühlte sich frisch und energiegeladen, da schreckte sie so ein kleiner Fristablauf nicht im Geringsten.
»Deinen 10.30-Uhr-Termin mit Wellguard konnte ich verschieben, aber leider bleibt uns der Fall trotzdem erhalten.« Vanessa hegte einen persönlichen Groll gegen die Firma für Plastikdächer, die es mit den Umweltrichtlinien nicht so genau nahm. »Bitte berechne ihnen eine Zulage für besonders komplexe, umfangreiche Fälle und spende die Differenz an Greenpeace«, schlug Vanessa vor und reichte Annie die entsprechende Akte.
»Gute Idee, mach ich.« Annie blätterte so schnell durch die Unterlagen, dass ein kleiner Luftzug entstand.
»Ehrlich?«, fragte Vanessa verblüfft.
Bedauernd hob Annie die Schultern. »Leider kann ich das nicht machen, aber ich versuche, dir noch irgendwie Gerechtigkeit zu verschaffen.«
»Weniger mir als der armen Umwelt! Ich verlasse mich auf dich. Wenn jemand das macht, dann du.« Vanessa lächelte sie an, und Annie lächelte zurück. Tatsächlich war Annies Wunsch nach mehr Gerechtigkeit der Grund gewesen, warum sie überhaupt Jura studiert und sich dann auf Europa- und Völkerrecht spezialisiert hatte. Allerdings war es mit der Gerechtigkeit so eine S