Micaels Herz klopfte so heftig, dass es seine Brust zu zerreißen drohte, als er auf seinen kurzen Beinchen so schnell er konnte an Wellblechhütten und Holzverschlägen vorbeirannte, vor denen finstere Gestalten hockten. Ihm wurde klar, dass er in einer von Rios zahlreichen Favelas sein musste, aber er hatte keine Ahnung, wie er da herauskommen und nach Hause finden konnte, zu dem schönen großen Hotel, in dem er lebte. Er wollte zurück zu seiner Mutter, sich in ihre Arme kuscheln und ihr vertrautes Parfüm riechen. Wo war sie? Warum war sie nicht gekommen, um ihn zu holen? Nur mit Mühe konnte er die Tränen unterdrücken, die er seit dem Vortag zurückhielt.
Seine Lunge schmerzte vom Rennen und er bekam kaum noch Luft. Dennoch musste er weiterlaufen, damit der Mann und die Frau, die ihn gefangen gehalten hatten, nicht einholen und erneut einsperren konnten.
Die Beine gaben unter Micael nach, er strauchelte und fiel in eine Pfütze. Da bemerkte er den brennenden Durst in seiner Kehle, schöpfte hastig mit seinen kleinen Händen das dreckige Wasser und trank davon.
„Hey, Kleiner, was ist los mit dir?“ Er wurde von kräftigen Händen gepackt und auf die Füße gestellt. Micael starrte auf einen Mund voller Zahnlücken. Augen hart wie Stahl musterten abschätzend seine Kleidung, die zwar verschmutzt war, aber intakt und von sichtlich guter Qualität. „Du bist doch nicht von hier, oder?“
Micael schüttelte den Kopf, riss sich los und lief weiter. Er fröstelte, obwohl die Nachtluft mild war. Es waren Müdigkeit, Erschöpfung und Angst, die ihn frieren ließen. Doch er konnte sich nicht erlauben, ein Plätzchen zum Ausruhen zu suchen. Seine Mutter hatte ihn stets vor den Gefahren gewarnt, die in seiner Heimatstadt lauerten. Sie würde aufgebracht sein, weil er sich von Fremden hatte ansprechen lassen, die ihn und seinen Bruder nur wenige Meter vom Hotel entfernt in ein Auto gezerrt hatten, als die Nanny einen Moment lang nicht aufgepasst hatte. Und vor allem würde sie böse sein, weil er Rafael bei den Fremden zurückgelassen hatte. Doch sein Zwillingsbruder hatte fest geschlafen und nicht reagiert, als Micael ihn angestupst hatte. Bis er zu sich gekommen wäre, wäre die Gelegenheit womöglich vorbei gewesen. Micael hatte sich gesagt, dass er schnell entwischen und mit seinen Eltern zurückkehren würde, um Rafael da herauszuholen. Aber was, wenn er die Hütte nicht wiederfand oder Rafael inzwischen nicht mehr dort war? Sein Vater würde ihm den Hintern versohlen, so viel war sicher. Und seine Mutter würde heftig weinen, weil Rafael weg war. Bei diesen Gedanken liefen Micael nun doch Tränen über die kindlich runden Wangen. Er schluchzte kurz auf, wischte die Tränen mit dem Handrücken weg und stolperte weiter durch die Nacht.
Als es heller wurde und er besser sehen konnte, bemerkte er, dass die abgerissenen Hütten in Häuser aus Stein übergegangen waren und die Lehmwege in asphaltierte Straßen, in denen nur wenige Menschen geschäftig ihrer Wege gingen und sich nicht um ihn kümmerten. Er kletterte auf eine niedrige Mauer, stellte sich auf die Zehenspitzen und blickte sich suchend nach dem Meer um. Sein Zuhause lag direkt am Strand von Ipanema, er würde nur am Wasser entlanglaufen müssen und wäre wieder daheim.
Aber so sehr er auch Ausschau hielt, er konnte das Meer nicht entdecken. In der Ferne erblickte er immerhin den Corcovado mit der Christus-Statue, den er vor Kurzem mit seinen Eltern besichtigt hatte. Er erinnerte sich, dass dahinter der Zuckerhut auf seiner winzigen Halbinsel vor der Küste lag – wenn er den Berg fand, wäre er am Meer. Außerdem gab es an beiden Orten viele Touristen, die fotografierten und sich von Taschendieben bestehlen ließen. Sicher würde ihm von denen weniger Gefahr drohen als von seinen Landsleuten in den Favelas und sie würden ihm helfen. Micaels Vater war Engländer, daher hatte er Vertrauen zu Menschen, die aus dem Ausland kamen, um sich Rio anzusehen. So orientierte er sich in Richtung des Corcovado, schlief in einem versteckten Winkel eines Hauses einige Stunden, stahl vor Hunger etwas zu essen von einem Straßenhändler und sprang schließlich in einen Bus, von dem er hoffte, dass er ihn an sein Ziel bringen würde. Dann legte sich eine Art