Die Welt der Menschen hatte sich verändert. Güte und Vertrauen waren aus ihren Herzen gewichen, die nun von Habgier und Missgunst beherrscht wurden. Der Glaube an die Märchen ging darüber verloren, denn das Böse erschien reizvoller als das Gute. So geriet der Märchenspiegel ins Wanken. Sobald die Menschen sich darin betrachteten, spiegelten sie sich nur in ihrer Eitelkeit und Selbstsucht wider und übersahen dabei die Liebe, die still neben ihnen stand. Sie gerieten in Streit und anstatt einander die Hände zur Versöhnung zu reichen, bekämpften sie sich aufs Bitterste. Die Rachsucht sah ihre Zeit gekommen und ergriff von ihnen Besitz. Aus Brüdern wurden Feinde und aus Freunden Fremde. Da geschah das Unfassbare: Mit einem Klirren zerbarst der Märchenspiegel in viele Splitter und schon stampfte das Böse mit seinem dunklen Heer darüber hinweg, damit nichts mehr an ihn erinnerte.
Delara hatte die Zerstörung aus ihrem Schlupfwinkel beobachtet. Das Herz schlug ihr vor Entsetzen bis zum Halse. Sie presste die Hand auf den Mund, um nicht laut aufzuschreien, damit das Böse sie nicht entdeckte. Beklommen wartete sie, bis der Tag sich neigte. Bevor die Dämmerung einsetzte, fasste sie Mut und schlich aus ihrem Versteck. Verstohlen sah sie sich um. Keine Menschenseele zeigte sich in der Nähe. Hastig kniete sie nieder und klaubte eilends alle Splitter vom Boden, die sie finden konnte, um sie in einer hölzernen Dose zu verbergen. Delara schloss den Deckel und dachte an ihren Vater, der das Kästchen vor gar nicht langer Zeit geschnitzt hatte, als sie noch ein Zuhause hatte. Sie verstaute die Dose in ihrer Kleidertasche und ließ sich auf einem großen Stein nieder. Trostlos wanderte ihr Blick über die Ruinen, die einst schöne Häuser gewesen waren. Tränen schossen ihr in die Augen und hinterließen helle Spuren auf ihren staubigen Wangen. Der Wind hörte ihr bitterliches Weinen und fuhr ihr sanft über das Haar. »Hör zu, mein Kind«, säuselte er »noch ist nicht alles verloren. Ohne deine Aufmerksamkeit wären die Märchen aus dieser Welt verschwunden. Doch ihre Kraft steckt noch im kleinsten Splitter. Du musst sie nur am Leben halten. Glaube an das Wunder, dann werden sie sich mehren. Und ein Wunder vermag auch, diesen Spiegel wieder zusammenzufügen.« Dann blies er ihr ins Gesicht und raunte:
»Gib nicht auf, liebes Kind,
schau nach vorn, nicht zurück,
denn so schnell wie der Wind
wendet Unheil sich zum Glück!«
Ach, wenn es doch so einfach wäre, dachte Delara.Aber wem soll ich vertrauen, wenn nicht den Worten des Windes. Sie hob den Blick und sah den graugelben Wolken nach, die träge vorüberzogen. Der Himmel lugte trübe durch die schwere Wolkenlast und das Land schien sich in der Dämmerung aufzulösen. Delara presste die Hände auf ihr Herz. Konnte man die Zeit nicht zurückdrehen?
Es gab keinen Frieden mehr im Morgenland. Einst waren hier Karawanen die Seidenstraße entlanggezogen und blühende Gärten hatten die Augen der Menschen erfreut. Delara hatte das Licht einer Welt erblickt, in der es noch Träume und Märchen gab. Der Himmel hatte sich im Blau ihrer Augen gespiegelt und die Sonne begrüßte sie lächelnd jeden Morgen. Wie schön klang es, das Lachen der Mutter zu hören oder wenn der Vater beim Holzschnitzen fröhliche Lieder sang. Wie sehr liebte sie es, mit dem Wind zu laufen, der ihr ins rabenschwarze Haar blies, oder dem munteren Zwitschern des Spatzenvolkes zuzuhören, das sich all-abendlich in der Krone eines alten Baumes versammelte. Und dann waren da noch die Geschichtenerzähler im alten Basar. Wie groß war die Freude, sich in den Kreis der Hörer zu reihen und zu spüren, wie die Märchen zum Leben erwachten, um die Lauschenden in ihre Zauberwelt zu entführen.
Die schönen Tage endeten, als die Streiter des Bösen das Morgenland überfielen. Sie trugen lange Gewänder und verhüllten ihre Gesichter, die so hässlich waren, dass selbst die Nacht, die schon viel gesehen hatte, vor ihnen zurückschreckte. Die Unholde begannen, das Land zu verwüsten. Mordend und brandschatzend zogen sie durch Städte und Dörfer. Sie töteten jeden, der sich ihnen in den Weg stellte, und die Kunde über ihre Grausamkeit eilte ihnen weit voraus. Die Märchenerzähler verschwanden, die Basare schlossen ihre Tore und selbst der Himmel verdunkelte sein Gesicht.
Eines Tages riefen die Eltern Delara zu sich und sprachen: »Liebe Tochter, es gibt keinen Frieden mehr in unserem Land. Wir können nicht in die Zukunft blicken, aber die Gegenwart sieht düster aus. Vielleicht müssen wir über kurz oder lang unsere Heimat verlassen.«
Delara war erschrocken über die Hoffnungslosigkeit in den Stimmen ihrer Eltern. Die Mutter nähte ihr ein Beutelchen mit einem langen Band. Sie steckte eine Geldsumme hinein und sprach: »Wenn mir und deinem Vater etwas zustoßen sollte, nimm dieses Geld und versuche dein Glück dort, wo Frieden herrscht. Bis dahin trage dieses Beutelchen stets unter deiner Kleidung verborgen.« Delara ergriff di