: Jana Otto
: Fachkräfte für die Entwicklung Fortbildungskooperationen zwischen Ghana und den beiden deutschen Staaten, 1956-1976
: De Gruyter Oldenbourg
: 9783110979824
: Studien zur Internationalen GeschichteISSN
: 1
: CHF 0.50
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: Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
: German
: 420
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Mit der Dekolonisation nahm die Bildungsmigration aus Afrika in den Globalen Norden schlagartig zu. Internationale Stipendienprogramme gewannen im Kontext des Kalten Krieges an Bedeutung. Aber auch für die Entwicklungspläne postkolonialer Staaten stellten sie ein wichtiges Instrument dar. Am Beispiel der berufspraktischen Bildungskooperation zwischen Ghana und den beiden deutschen Staaten zeigt Jana Otto auf der Grundlage ghanaischer und deutscher Quellen, welche Ziele alle drei Staaten dabei verfolgten und wie sich Konzepte, Herangehensweisen und Machtverhältnisse im Laufe der Zeit wandelten. Sie zeichnet nach, welche Interessen die ghanaischen Fachkräfte mit ihrer Teilnahme an den Fortbildungsprogrammen verbanden und welche Handlungsspielräume sie besaßen. Die transnationale Verflechtungsgeschichte erschließt nicht nur das bislang vernachlässigte Feld der berufspraktischen Bildungskooperation, sondern bereichert auch die ghanaische Zeitgeschichtsschreibung um neue Einsichten.



Jana Otto, Leibniz Universität Hannover.

1 Entstehung: Einführung der Praktikumsprogramme, 1956 – 1961


In den späten 1950er Jahren begannen beide deutsche Staaten damit, eigene entwicklungspolitische Fortbildungsprogramme zu organisieren. Ghana hatte bereits zu Kolonialzeiten nicht nur Student:innen, sondern auchvocational trainees in das Ausland gesandt, vor allem nach Großbritannien und in die USA. Nachdem das Land im März 1957 die Unabhängigkeit erlangt hatte, fand die neue Regierung zum einen immer mehr Kooperationsstaaten, zum anderen baute sie eine eigene Stipendienverwaltung auf, die akademische und berufspraktische Programme parallel verwaltete. Während Ghana in den späten 1950er Jahren eine eigene Stipendienpolitik entwickelte, entwarfen die BRD und die DDR ab 1956/57 ihre jeweiligen Praktikumsprogramme – parallel zu und als Teil der ebenfalls in den Kinderschuhen steckenden staatlichen Entwicklungspolitik. Für alle drei Staaten bildeten die Jahre bis 1961 die Entstehungsphase der Praktikumsprogramme. In dieser Zeit machten Accra, Bonn und Ost-Berlin erste praktische Erfahrungen und gestalteten ihre jeweiligen Programme mal mehr, mal weniger aktiv. Auch die ersten Fortbildungskooperationen zwischen der ghanaischen und den beiden deutschen Regierungen fielen in diese Phase. In Westdeutschland trafen die ersten ghanaischen Fachkräfte Anfang 1959 ein, in Ostdeutschland im Spätsommer 1960.1

Die Entstehung der Praktikumsprogramme in den Untersuchungsländern war Teil eines internationalen Trends. Nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere nach der Konferenz von Bandung boomten unterschiedlichste Formen derCultural Diplomacy. Stipendienprogramme jeglicher Art waren ein Teil dieses Booms.2 Die Supermächte und die europäischen Staaten nutzten Fortbildungskooperationen mit dem globalen Süden, um vor dem Hintergrund des Systemkonflikts ihre politische, kulturelle und ideologische Position in den Partnerländern zu stärken.3 Der Kalte Krieg beförderte also den globalen Aufschwung der Programme. Gleichzeitig versuchten die ehemaligen Kolonialmächte sich über Bildungskooperationen einen gewissen Einflussbereich in den postkolonialen Staaten zu sichern.4 Zunehmend waren Stipendienprogramme aber auch mit entwicklungspolitischen Zielsetzungen verknüpft.5 Die jungen afrikanischen Regierungen setzten in Anbetracht fehlender Bildungsinstitutionen im eigenen Land auf Auslandsschulungen, um ihre jeweiligen nationalen Entwicklungspläne zu realisieren. Bildung galt dabei als ein Schlüsselelement für den Aufbau des Nationalstaats.6 Die Annahme, dass ein höheres Bildungsniveau und die Verbreitung von Fachwissen, insbesondere technischer Expertise, zwangsläufig zu wirtschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Modernisierung führen würden, einte dabei die verschiedenen Akteur:innen in Ost, West und Süd. Sie fand sich in kapitalistischen Modernisierungstheorien ebenso wieder w