»Wen wahre Liebe band, den wird sie wieder binden.«5
Seneca
»Selig, welchen die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schon
Liebten, welchen als Kind Venus im Arme gewiegt (…)«6
Schiller
Das Denken, Wollen, Fühlen und Handeln des Menschen hat seine Wurzeln in den natürlichen Trieben und Bedürfnissen. Diese aber werden maßgeblich geformt, umgestaltet und kanalisiert durch unsere Erfahrungen, Erlebnisse, Prägungen, Gewohnheiten, Erziehung und das soziale Umfeld, ferner durch unsere Haltungen und Werte, durch unser Denken und Entscheiden. Dabei kommt unseren intellektuellen Fähigkeiten eine wesentlich geringere Bedeutung zu, als unser Selbstbild von einem vernunftbegabten Wesen es nahelegt. Ganz überwiegend werden wir von verinnerlichten Denk-, Wollens- und Verhaltensmustern geleitet und nur zu einem geringen Teil von vernünftigen Überlegungen und rationalen Entscheidungen. Wir mögen bedauern, dass es nicht der Geist, die Vernunft, der Philosoph in uns oder die Weisheit sind, die unser Leben steuern, sondern der endliche und mit Fehlern und Defiziten behaftete, unvollkommene Mensch, der nur mit größter Mühe seine Triebe und Begierden zügeln kann und häufig nicht »Herr im eigenen Haus« ist. Aber der Mensch ist nichts anderes als die Summe seiner Denk-, Wollens- und Verhaltensgewohnheiten, die sich aufgrund seiner Erfahrungen und Prägungen gebildet haben und leider viel zu selten aufgrund gewonnener Einsichten oder einem Prozess vernunftgesteuerter Persönlichkeitsentwicklung und Selbstkultivierung. Auf unsere natürlichen Instinkte können wir uns aber schon lange nicht mehr verlassen. Wir sind ein Mangelwesen, sagt die Anthropologie, dessen Instinkte nicht mehr so funktionieren, wie sie sollten. Die Dominanz und ein fehlgeleiteter, einseitiger Gebrauch unseres berechnenden Verstandes haben sie weitgehend denaturiert. Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen und dadurch die Einheit mit der Natur verloren, sodass der unverstellte Zugang zu unseren natürlichen Instinkten beeinträchtigt ist.
Eine der ersten, sicher aber die stärkste Prägung, die jeder Mensch erfährt und die ihn sein ganzes Leben begleitet, ist die Erfahrung, die er während der Schwangerschaft als Embryo im Mutterleib macht. Während dieser Zeit entwickeln sich nicht nur der Körper und die Organe, sondern auch das Gehirn, der Wahrnehmungsapparat, die Empfindungen und Gefühle. Unabhängig von der Frage, was und wie viel bereits genetisch vorgeprägt ist, bleibt das, was in dieser Entwicklungsphase erlebt wird und sich festsetzt, bestimmend für das ganze Leben. Es ist das Gefühl von Wärme, Geborgenheit, Getragenwerden, Genährtwerden, Fürsorge, Sicherheit, körperlicher Nähe, Einssein mit der Mutter, Einssein mit der Natur.7 »Die Mutter ist Wärme, die Mutter ist Nahrung, die Mutter ist der euphorische Zustand von Befriedigung und Sicherheit«, schreibt der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm.8 Auch das Ende dieses Zustands bleibt als prägende Erinnerung tief in uns verankert: Unter größten Schmerzen werden wir mit der Geburt aus diesem paradiesischen Zustand gewaltsam herausgestoßen. Das Erste, was das unter heftigen Wehen herausgepresste Neugeborene tut, ist, verzweifelt zu schreien und zu weinen. Denn es spürt, dass es die Geborgenheit und schützende Hülle der Mutter verloren hat, die zugleich seine Nahrungsquelle war. Es wird aus dem wohligen, warmen Einssein mit der Mutter ausgestoßen in ein grelles, kaltes Getrenntsein, abgeschnitten von seinem lebendigen Ursprung. Nackt und ungeschützt wird es hineingeworfen in die Welt, einen unbekannten Raum, in dem sich »hart die Dinge stoßen« (Schiller). Sein erster Schrei ist Ausdruck von Verlust, Trennung, Vereinzelung und Todesangst.
Der Psychoanalytiker Otto Rank hat in diesem »Trauma der Geburt« den Verlust einer embryonalen »Urlust« und die