Kapitel1
Samstag, Danach
Salziger Wind schlägt mir ins Gesicht. Ich richte den Blick nach unten auf die Schaumkronen im schmutzig grauen Wasser. Sie bilden eine aufgewühlte Linie. In ein paar Atemzügen wird keine Spur mehr von dem Schnitt zu sehen sein, der das Meer für kurze Zeit in zwei Hälften geteilt hat. Davor und Danach, untrennbar verwoben.
»Hell!« Der Ruf kämpft sich durch das Pfeifen des Windes.
»Fuck«, zische ich und wische mir mit dem Handrücken über die rot geweinten Augen. Dass sie rot sind, weiß ich. Sie waren es jedes Mal, wenn ich in den letzten vierundzwanzig Stunden in einen Spiegel gesehen habe. »Hell, wehe, du haust ab!«
Wohin denn? Ich werfe einen letzten Blick hinaus aufs Meer, dann drehe ich mich mit dem Rücken zur Reling und breite die Arme aus. »Wir sind auf einem gottverdammten Schiff, Matti.«
Mein bester Freund kommt so knapp vor mir zum Stehen, dass er beinahe gegen mich geprallt wäre. Der Boden unter unseren Füßen ist glitschig von dem salzigen Sprühnebel, der sich auf die Oberflächen legt, als wollte das Meer uns zeigen, dass wir hier draußen ihm gehören.
»Ich bin so froh, dass es dir gut geht!«Gut ist ein dehnbarer Begriff. »Coco und Tom suchen gerade das Auto-Deck ab. Yasin konnte Alice gerade noch so davon abhalten, der Crew Bescheid zu sagen. Wir haben uns Sorgen um dich gemacht!«
»Mir war nicht danach, gefunden zu werden.« Der Wind bläht meine Jeansjacke auf und ich schlinge sie mit verschränkten Armen enger um meinen Körper.Lass gut sein, Matti. Aber das wird er nicht. Nicht, bis ich über das geredet habe, was gestern passiert ist – dabei ist Reden das Letzte, was ich im Augenblick will.
»Wie wäre es, wenn wir reingehen?« Die blonden Härchen auf Mattis nackten Unterarmen stellen sich auf. Obwohl wir Juli haben, ist es kühl hier draußen an Deck, aber das war zu erwarten. Die Ostsee ist eben nicht die Karibik.
»Geh du«, sage ich und drehe mich wieder zum Meer. Am Horizont ist die Küste Schleswig-Holsteins noch erkennbar, ein grauer, schmaler Streifen, auf dem mein Davor zurückgeblieben ist. Anders als das Meer, werde ich nie wieder zusammenwachsen.
Matti lehnt sich neben mir gegen die Reling.
»Wir können auch hier draußen bleiben, wenn du möchtest.« Er starrt hinunter auf das graue Wasser. »Es ist nicht deine Schuld, Hell. Das weißt du, oder?«
Meine Hand tastet nach dem silbernen Amulett, das an seiner Kette warm um meinen Hals liegt.
»Klar. Weiß ich.« Matti sieht mich von der Seite an.
»Du kannst nicht lügen. Konntest du noch nie.«
»Was willst du denn von mir hören?«, fauche ich. »Dass es mir nichts ausmacht?«
»Niemand verlangt …« Ich hebe die Hand und Matti verstummt mit hilflos zusammengepressten Lippen.
»Ich kann deine Pseudo-Psychologenscheiße gerade echt nicht gebrauchen.« Ich starre auf den Horizont, bis ich höre, wie seine Schritte sich entfernen.
Super gemacht, Hell. Ich wollte nicht auch noch Matti verletzen. Aber der Druck in meiner Brust und die Hitze in meinem Bauch haben mir keine Wahl gelassen. Sie verschwinden immer erst dann, wenn Schuld sich über mich legt wie eine nasskalte Löschdecke.
Ich drehe mich um, aber Matti ist schon die Treppe hinunter- und an der spärlich besuchten Bar vorbeigegangen. Zu weit weg, um eine Entschuldigung zu hören, selbst wenn ich sie brüllen würde. Tränen laufen heiß über meine Wangen. Ich fühle mich falsch. Genau wie früher, wenn ich gesehen habe, wie andere Mädchen ihre Gefühle hinter einem Lächeln verbargen. Ich habe versucht, es ihnen gleichzutun und ein liebes Mädchen zu sein. Stattdessen war ich ein Vulkan.
Stumm sehe ich zu, wie die Tür zum Schiffsinneren hinter meinem besten Freund ins Schloss fällt. Ich wollte noch nie allein sein, wenn ich stattdessen mit Matti hätte sprechen können. Aber in vierundzwanzig Stunden kann sich vieles verändern – oder, in meinem Fall, alles.
Freitag, Davor
Ich trete aus der Kabine und drehe mich um, damit Alice den Reißverschluss meines Jumpsuits vollends hochziehen kann. Im Spiegel über den Waschbecken sehe ich zu, wie das silberne Amulett unter nachtblauer Seide verschwindet. Mein Blick wandert nach oben und bleibt an meinen dunkelrot geschminkten Lippen hängen.Deine Tochter sieht aus, als würde sie auf der Reeperbahn arbeiten, Charlotte. Kurz überlege ich, den Lippenstift wieder abzuwischen, für den Familienfrieden. Aber ich widerstehe dem Drang. Stattdessen lächle ich meinem Spiegelbild zu und wuschele mir einmal durch die kurzen, aschblonden Haare, damit sie extra unordentlich liegen. Heute ist mein Tag, nicht seiner.
»Bereit?« Alice tritt neben mich und zupft die Träger ihres grünen Kleides zurecht.
»Du siehst großartig aus«, sage ich. In Alice’ Zimmer hängt ein lebensgroßes Bild von ihrem Idol Marilyn Monroe, und ich schwöre, dass die beiden Schwestern sein könnten, wenn Alice nicht so dunkle Haare hätte. Sie greift nach ihrer Handtasche, als ihr Handy plingt.
»Na, was will Benjamin?«
Alice wendet sich ab und versperrt mir so den Blick auf den Bildschirm. »Er schafft es nicht«, sagt sie knapp, während ihre Finger in Lichtgeschwindigkeit eine Antwort tippen. »Es gibt Probleme mit einem der neuen Hotels in Spanien und er muss dringend Telefonate führen.« Sie steckt das Handy wieder weg und wirft einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel.
»Mit wem führt Benjamin noch mal eine Beziehung?«, frage ich in gespielter Verwirrung. »Mit dir oder mit der Hotelkette deiner Familie?«
Alice verdreht die Augen. »Papa ist kurz davor, ›Vier Sterne Superior‹ zu bekommen«, sagt sie. »Entweder Ben fehlt oder er.« Ihr Handy plingt ein zweites Mal.
»Lass mich raten: Mr&nbs