Kapitel 1
Glückauf, Kameraden, durch Nacht zum Licht,
uns sollen die Feinde nicht kümmern.
Wir hatten so manche verzweifelte Schicht
und sahen die Sonne nicht schimmern.
Nur einig, einig müssen wir sein,
so fest und geschlossen wie Erz und Gestein.
Mülheim, Frühsommer 1945
Annie starrte fassungslos auf das sorgfältig beschriebene Stück Papier in ihrer Hand. Ihr Herz wummerte schmerzhaft, als sei gleich neben ihr eine Bombe hochgegangen. Doch Bomben fielen schon länger nicht mehr aufs Ruhrgebiet, denn seit Wochen herrschte Frieden im Deutschen Reich.
Die Detonation beim Lesen der Zeilen hatte allein in ihrem Inneren stattgefunden und sie dennoch regelrecht zerrissen. Ein taubes Gefühl drückte ihr auf die Ohren, und ihre Knie fühlten sich an, als sei mit einem Schlag sämtliche Kraft aus ihnen gewichen.
Nathan, der Mann, mit dem sie nicht nur ihren ersten Kuss, sondern auch eine Gewehrkugel geteilt hatte, trennte sich von ihr. Um sie zu schützen! Weil er miterlebt hatte, wie die Nachbarn sie wegen der Verbindung zu ihm anfeindeten.
All das stand in diesem verdammten Brief, den er ihr geschickt hatte. Er liebe sie, und genau deshalb könne er sie nicht wiedersehen. Was für ein Idiot! Und doch konnte sie ihm nicht einmal so recht böse sein.
Annies Augen brannten, sie drückte die Lider zusammen, wollte den schrecklichen Brief nicht mehr sehen!
Erschöpft neigte sie sich auf dem Bänkchen zurück, bis sie mit dem Rücken an dem Schuppen lehnte, der noch immer ihre Zuflucht inmitten von Trümmern war. Die Bergarbeitersiedlung Mausegatt hatte es zwar nicht so schlimm erwischt wie andere Stadtteile, dennoch waren die Folgen der vielen Bombardierungen verheerend.
Mit dem Zechenhäuschen der Familie Neumann ging es dennoch voran. Am letzten Wochenende hatten sie gemauert und dabei tüchtige Hilfe bekommen. Der alte Fritz Kohlhaus mochte krumm wie ein knorriger Baum sein, doch das Wissen des Mannes war Gold wert. Gegen ein gutes Dutzend Eier und ein Stückchen Schinken hatte der ehemalige Maurer ihnen mit Rat und Tat zur Seite gestanden und oft selbst Hand angelegt. Nun war das klaffende Loch in der Wohnzimmerwand Geschichte. Der Westwind würde nicht mehr hindurchpfeifen, nicht mehr Regen, Unrat und Staub hineinwehen. Annie meinte, den noch etwas feuchten Mörtel riechen zu können. Mineralisch, säuerlich und ein wenig nach Kalk.
Die Hühner liefen gackernd durch den Garten und pickten unter den Büschen nach Insekten und heruntergefallenen Beeren. Ganz besonders hatten sie es auf die Johannisbeersträucher abgesehen, die Mutti gerade aberntete. Heute Abend würden sie einkochen, fast wie früher. Nur dass der Herd nun unter einem Wellblechdach vor dem ehemaligen Ziegenstall sein Dasein fristete.
Vati war wie immer um diese Zeit unter Tage. Die Zeche produzierte wieder, als sei der Krieg nie geschehen. Das Land brauchte Kohle, die Menschen sollten im kommenden Winter nicht frieren, er würde auch so hart genug.
Ihre Schwester Charlotte war wie jeden Morgen schon in der Dämmerung aufgebrochen.
Sie räumte Schutt. Tat kaum etwas anderes, seit der Krieg zu Ende war, als könne sie mit der harten Plackerei die Erinnerungen vertreiben. »Dienst am Volk« nannte sie es, dabei wäre ihre Hilfe daheim genauso vonnöten gewesen. Es gab so viel Unausgesprochenes zwischen den Schwestern. So vieles, was sie einander nicht erzählen konnten. Die Gräben waren einfach zu tief.
Um sich nicht zu streiten, mieden sie einander.
Auch deshalb räumte Charlotte in der Innenstadt.Wenigstens träume ich dann nicht ständig von Martin, sondern gar nicht, hatte sie gesagt. Und tatsächlich schlief sie wie eine Tote, Annie konnte das bezeugen, denn sie lag Nacht für Nacht direkt neben ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester. Charlotte legte sich hin, schloss die Augen und rührte sich dann bis zum Morgen nicht mehr. Es war regelrecht unheimlich, als legte jemand einen Schalter um.
Charlotte wirkte mit ihren siebzehn Jahren schon unendlich erwachsen. Hatte sich in den letzten Kriegstagen verlobt, nur um ihren Liebsten wenige Stunden später zu verlieren. Er war in ihren Armen gestorben. Das schnitt tief.
Charlotte war eine glühende Verehrerin Hitlers gewesen und mit dem Hass auf die Gegner des Tausendjährigen Reichs groß geworden. Deshalb verabscheute sie Männer wie Nathan zutiefst.
Der Mann, den Annie liebte, war für sie nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Feind.
Annies Gedanken drehten sich wie eine aufgezogene Spirale im Kreis und kehrten wie selbstverständlich zurück zu ihrem Amerikaner …Nein, nicht mehr meinem, korrigierte sie sich und spürte nun doch, wie die ersten Tränen liefen.
Wie konnte er nur? Hatte er sie denn in ihrer gemeinsamen Zeit so wenig kennengelernt? Hielt er sie für derart zerbrechlich?
Du wirst für immer in meinem Herzen sein, stand in der letzten Zeile.
Annie schlug mit der Faust auf den Brief und knüllte ihn mit einem Laut tiefster Verzweiflung zusammen. Dann strich sie ihn hastig wieder glatt. Er war doch das Letzte, was sie von Nathan noch hatte!
»Annie?« Mutters Ruf drang wie aus einer anderen Welt zu ihr. »Annie! Wie lange willst du denn da noch herumsitzen? Die Arbeit macht sich nicht von allein!«
»Jaja, ich komme schon.« Sie schob den Brief zurück in den Umschlag und diesen wiederum in ihre Jackentasche. Dann tupfte sie sich die Augen mit den Ärmeln trocken und zog die Nase hoch.
Rasch war ein kleiner Emailleeimer gefunden, und sie eilte los. Die Hühner flohen mit lautem Gackern, wobei das garstige Federvieh auch diese Gelegenheit nicht ausließ, um auf dem kleinsten Tier herumzuhacken.
Mutti hatte bereits eine Schale gefüllt, die mit einem Tuch abgedeckt zu ihren Füßen stand. Ihre ungehaltene Miene änderte sich sofort, als sie Annie in die Augen blickte.
»Ist etwas passiert? War die Post da? Geht es um Ernst?«
Annie schüttelte den Kopf. Ihr kleiner Bruder galt noch immer als verschollen. Vater behauptete, er befände sich in Frankreich in Kriegsgefangenschaft, doch so ganz glauben konnte sie ihm inzwischen nicht mehr.
»Nein, Nathan will … Er …« Sie schluchzte auf, konnte es einfach nicht aussprechen. Doch das musste sie auch nicht. Ihre Mutter verstand sofort.
»Was für ein Dummkopf.« Die Johannisbeeren waren vergessen. Sie nahm ihre älteste Tochter in den Arm.
Annie, die nicht schon wieder weinen wollte, hatte keine Chance. Die Umarmung war entwaffnend. Die Tränen liefen und liefen einfach, wollten gar nicht mehr aufhören, bis sie dann irgendwann doch versiegten. Erst danach gab sie ihrer Mutter den Umschlag.
Sie sollte selbst lesen, was Annie einfach nicht über die Lippen kommen wollte.
Mutti überflog die Zeilen. »Was für ein ehrenwerter Idiot. Das Unheil ist doch längst angerichtet! Dann soll er gefälligst auch zu dir stehen!«
»Das finde ich auch«, schniefte Annie. »Ich habe ihn doch lieb. Aber …«, schon wieder war da dieser Brocken in ihrer Kehle, so bitter und scharfkantig, dass ihre Stimme versagte.
»Schreib ihm.«
»Aber er ist fort!«
»Ganz fort ist er nicht. Er ist in Deutschland und nicht in Amerika. Sie werden ihm die Post nachsenden. Schreib ihm, sonst werde ich es tun!«
»Ja, Mutti.« Annie rang sich zu einem erzwungenen Lächeln durch. Doch als sie sich vorstellte, wie ihre Mutter den Mann zur Schnecke machte, der ihrer Tochter das Herz gebrochen hatte, wuchs es trotz des ekligen Gefühls in ihrer Brust zu einem echten Lächeln an. »Aber erst die Johannisbeeren.«
»Er wird zurückkommen, Kindchen, ganz bestimmt. Die Kameraden oder die Obrigkeit werden ihm Flausen in den Kopf gesetzt haben. Verbrüderungsverbot und so weiter. Und wie die Männer so sind, hat er sofortJa undAmen gesagt, statt sein eigenes...