Maggie
Der Stress mit der Punkerin setzt Maggie zu. Sie ist am Abend einfach kurz nach der Punkerin gegangen. Das Spiel ist eigentlich nicht ihre Sache, das merkt sie immer mehr. Aber sie müssen rund um die Uhr am Ball bleiben. Jede Pause wirft einen zurück, weil die künstliche Intelligenz, die hinter dem Ganzen steckt, jede Spielfigur einfach im Auto-Modus weiterlaufen lässt, mit reduzierten Fähigkeiten, aber ständig in Gefahr, von anderen rausgekickt zu werden. Wenn man dann nach einer längeren Pause zurückkehrt, findet man sich vielleicht in einem völlig anderen Set wieder und muss sich aus irgendeiner Sklaverei oder einer Gefangenschaft herausarbeiten.
Hunter hat sie ziemlich angepflaumt, aber sie brauchte die Pause.
Maggie weiß, dass die anderen sie für eine verwöhnte Tussi halten. Und sie weiß auch, dass sie nur dabei sein darf, weil ihre Eltern Geld haben. Ziemlich viel Geld. Die Laptops hat Maggie besorgt, dafür ist sie ihnen gut, auch wenn jetzt alle über die Geräte herziehen. Sie hat ein Gespräch zwischen Joey und Hunter belauscht, in dem es genau darum ging.
»Wir müssen ein paar Sachen vorfinanzieren«, hatte Hunter gesagt. »Da ist es besser, wenn nicht alle aus dem letzten Loch pfeifen.«
Das tun die anderen vier tatsächlich. Sie sind dauerpleite.
Hunter hat gar keine Familie, außer diesen Onkel, von dem niemand weiß, ob er wirklich sein Onkel ist. Die Leute in seiner Wohngruppe vom Jugendamt betrachtet er auch nicht als Familie, obwohl sie ihm das dort immer einreden wollen. Rebels Eltern schuften sich seit ihrer Flucht aus Vietnam in ihrem Imbiss ab und kommen trotzdem nie auf einen grünen Zweig. Joeys Mutter arbeitet zwar beim Finanzamt, aber nach der Scheidung bleibt am Ende des Monats kaum etwas übrig. Und Jadens Vater schickt das meiste Geld, das er mit seinen vielen Jobs verdient, in die Heimat nach Bosnien, während Jaden das, was ihm bleibt, eisern spart.
Maggie darf nicht darüber reden, für was er spart. Er hat es ihr einmal anvertraut, weil sie ihn gesehen hat, als er aus der Beratungsstelle kam. Er hat versucht, sich rauszureden, von einem Referat für die Schule geschwafelt und dass er dafür recherchiert habe.
Wenn Jaden etwas nicht kann, dann ist das lügen. Und wenn Maggie etwas kann, dann ist es hartnäckig sein. Außerdem hatte sie schon länger so eine Vermutung.
Was die Punkerin ihnen anbietet, ist kein Spielchen, das ist Maggie sofort klar. Natürlich poltern ihr augenblicklich Bedenken durch den Kopf, wie immer. Maggie ist die absolute Bedenkenträgerin. Man könnte ihr ein Schild mit dieser Bezeichnung anstecken, wenn man sie mit einem einzigen Wort beschreiben müsste. Damit ist sie der Gegenpol zu Hunter, der nie um irgendetwas besorgt ist.
Als die Punkerin wieder vor der Tür steht, schaut sie ihnen ein paar Minuten beim Spielen zu, was alle nervös macht.
»Was nun?«, fragt Hunter.
Die Punkerin nimmt die Füße von dem Beistelltischchen, setzt sich auf und kippt das Tischchen zur Seite, sodass alles auf den zerschlissenen Perserteppich fällt: eine leere Chips-Tüte, Kronkorken, ein kaputter Kopfhörer und ein paar Schmackos, die der Hund nicht mochte. Die Punkerin wischt einmal mit dem Ärmel über das Glas der Platte, erreicht damit aber nichts. Die Schmiere aus verschütteter Limonade, Pizzafett und Knabberzeug ist bereits angetrocknet.
»Wie könnt ihr in so einem Saustall leben?«, knurrt sie.
»Wir leben hier nicht, wir zocken